Die Stadt der Winde

Die Donau City hätte Wiens modernster Stadtteil werden sollen. Doch anstelle von Urbanität wachsen hier Bürotürme und Garagen. Was passiert, wenn die Stadt ihre Zukunft in die Hände von Investoren legt

Stadtleben | Begehung: Birgit Wittstock | aus FALTER 41/15 vom 07.10.2015


Foto: Christian Wind

Foto: Christian Wind

In 40 Sekunden auf das Dach von Wien. So schnell schießt einen der Hochgeschwindigkeitsaufzug vom Erdgeschoß zur Sky Terrace in das 58. Stockwerk des DC Tower. Dicke Glaswände und 207 Meter trennen einen nun von der Stadt, die von hier oben, weil so stark verkleinert, merkwürdig fremd und entrückt wirkt. Da sind sie, all die alten, vertrauten Ankerpunkte, die Wien ausmachen: die sozialistischen Wohnvierkanter, die Alte Donau, auf der ein paar kleine Segelschiffchen schräg im Wind liegen, die nun verlassene Insel des Gänsehäufels, die verstreuten Einfamilienhäuser, die Floridsdorf und die Donaustadt langsam mit dem Umland verschmelzen lassen. In weiter, diesiger Ferne erheben sich hinter dem mit Windrädern bestandenen Marchfeld die Hundsheimer Berge, Teil der Kleinen Karpaten an der slowakischen Grenze.

Der Blick Richtung Westen, auf die Innenstadt, ist in der 9,50 Euro teuren Aussicht nicht inkludiert, sondern dem Publikum der verwaisten 58 Bar, der höchsten Rooftop-Bar des Landes, vorbehalten. Beugt man sich jedoch über die Absperrung, auf der „Alarmgesichert“ und „Kein Eingang“ zu lesen steht, so erhascht man einen Blick auf die schlammfarbene Donau und ihren blau-grünlichen Seitenarm Neue Donau, die am Sockel des Towers entlangströmen, auf die Dächerflut der Stadt, aus der sich das AKH und die Wienerberg City erheben. Die Müllverbrennungsanlage Spittelau glänzt in der Herbstsonne wie die goldene Kugel des Froschkönigs.


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