Bad "News from Home": Die große Filmemacherin Chantal Akerman starb in Paris

Feuilleton | NACHRUF: MICHAEL OMASTA | aus FALTER 42/15 vom 14.10.2015

Um Filme zu machen, muss man aufstehen", sagt Chantal Akerman in einer ihrer ersten Arbeiten müde und krabbelt aus dem Bett: "Gut, ich stehe auf." Ein halbes Menschenleben später entstand im Dschungel von Kambodscha "La Folie Almayer" (2011) nach Joseph Conrad. So frei, erzählte die Filmemacherin über die Dreharbeiten, hätte sie sich nie zuvor gefühlt -am Set trug sie immer nur Pyjamas.

Anfang vergangener Woche hat sich Chantal Akerman, Le Monde zufolge, selbst mitten aus dem Leben und der Arbeit gerissen. Die gebürtige Belgierin zählte zu den bedeutendsten Filmemacherinnen unserer Zeit. "Jeanne Dielman, 23 Quai du Commerce", ein dreistündiger "Hausfrauenreport" mit Delphine Seyrig in der Titelrolle, wurde 1975 als "erstes Meisterwerk des feministischen Kinos" gefeiert.

Parallel zu ihren von Feminismus und Filmtheorie informierten Spielfilmen entstand ein umfangreiches essayistisches Werk, das von "News from Home"(1977) bis zu "Là-bas"(2006) reicht und in dem Akerman persönliche Erfahrungen des Fremdseins in New York respektive Israel verarbeitete. Ihr letzter Film, "No Home Movie", über das Sterben ihrer Mutter, einer polnischen Auschwitz-Überlebenden, ist fast ausschließlich in deren Apartment gedreht.

Bei aller Weltgewandtheit, den unzähligen Filmretrospektiven und der Einladung Akermans etwa zur Documenta in Kassel, war ihre Mutter Natalia stets das Epizentrum nicht nur ihres künstlerischen Schaffens. So sagte sie vor vier Jahren eine Reise nach Wien, wo Filmmuseum und Viennale ihr Gesamtwerk zeigten, wegen einer Erkrankung der Mutter kurzfristig ab. Nach deren Tod 2014 "schien es nichts mehr zu geben, das sie sagen wollte", mutmaßt Die Welt in ihrem Nachruf auf die Filmemacherin.

Dagegen spricht, dass Chantal Akerman auf Einladung von Regiekollegin Joanna Hogg in London gerade eine neue Installation ("Now") vorbereitete. Ihr "No Home Movie" hat bei der Viennale in zwei Wochen Österreich-Premiere.


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