"Aber Sexualität war ein Tabuthema"

Die Schau Liebe in Zeiten der Revolution zeigt fünf Künstlerpaare der russischen Avantgarde

Lexikon | Interview: Nicole Scheyerer | aus FALTER 42/15 vom 14.10.2015


Foto: A. Rodtschenko & W. Stepanowa Archive

Foto: A. Rodtschenko & W. Stepanowa Archive

Ungewöhnlich viele und emanzipierte Paare prägen die russische Kunstgeschichte in der Zeit der Oktoberrevolution. Die Kuratorin Heike Eipeldauer präsentiert nun im Kunstforum Wien erstmals, wie gleichberechtigt Künstlerinnen und Künstler damals agierten. Die Exponate reichen von Gemälden und Collagen bis hin zu Entwürfen für Unisex-Kleidung und Propagandaplakaten.

Falter: Frau Eipeldauer, im Titel ihrer Schau kommen die Wörter „Liebe“ und „Revolution“ zusammen. Ist das nicht ein Widerspruch?

Heike Eipeldauer: Es stimmt, dass das Private dem Kollektiven untergeordnet wurde. Meine These ist, dass das Künstlerpaar die kleinste Produktionseinheit in dieser Neugestaltung des Lebens darstellt. Die Oktoberrevolution wurde von Historikern auch als „sexuelle Revolution“ bezeichnet. Mit der Gesetzgebung der Bolschewiken 1917/18 gab es Reformen, die nicht nur die ökonomische Gleichstellung in der Ehe, ein säkularisiertes Eherecht und erstmals die Möglichkeit zur Scheidung mit sich brachten, sondern auch eine Entkriminalisierung der homosexuellen Liebe – unglaublich im Vergleich zu heute. Man kann sagen, dass Mann und Frau – zumindest auf juristischer Ebene – noch nie zuvor so gleichgestellt waren.

Thematisieren die Künstler diese Veränderungen zwischen den Geschlechtern?

Eipeldauer: Es gibt in dieser Zeit so viele aktive Künstlerinnen wie nie zuvor und auch lange danach nicht. Sie sind bei allen maßgeblichen Aktivitäten gleichberechtigt dabei und auch in den Partnerschaften agieren sie gar nicht im Klischee einer männlichen Führerrolle. Interessanterweise wird aber über Sexualität, Liebe und Geschlechterdifferenz nicht gesprochen. Man findet auch fast keine Aussagen, Dokumente oder Tagebucheintragungen dazu.

Wie erklären Sie sich diesen blinden Fleck?

Eipeldauer: Die Kunsthistorikerin Ada Raev schreibt in ihrem Buch „Russische Künstlerinnen der Moderne“, dass die Tabuisierung von Sexualität ein generelles Symptom der russischen Kultur ist. Die Künstlerinnen waren emanzipiert, aber nicht im Sinn von Frauenrechten – die Gleichstellung war einfach irgendwie da. Eine Zeitlang wurden Stereotypen überwunden, aber dann kam wieder eine Phase, wo es etwa um den Industriekonstrukteur ging, und das war maskulin konnotiert. Man hat das Gefühl, die Künstlerinnen unterwarfen sich dann doch wieder einem männlichen Leitbild.

Feminismus war also kein Thema?

Eipeldauer: Es gab eine russische Frauenrechtsbewegung, als im 19. Jahrhundert die Leibeigenschaft abgeschafft wurde. Am ehesten macht es noch Warwara Stepanowa zum Thema, wenn sie Rodtschenko und sich als Clowns darstellt, die wie bewegungslose Marionetten im Formenvokabular des Konstruktivismus gefangen sind. Es sieht aus, als würde da das große Lachen über die Geschlechterideologie der Gleichheit in Gang gesetzt.

Wie verstehen die Künstler generell ihre gesellschaftliche Rolle?

Eipeldauer: Sie sehen es als eine existenzielle Frage, wie sie zur Gestaltung beitragen können. Und das in einer Zeit der totalen Armut und des Notstands, weil kurz nach der Revolution der Bürgerkrieg ausbricht. Trotzdem herrscht dieser fast kindlich-naive Enthusiasmus vor, wo die Künstlerinnen und Künstler wirklich die Chance zum Greifen nahe sehen, dass sie mit Kunst das Leben umformen könnten. Es ist kein Zufall, dass es damals zu einer so extremen Häufung von Künstlerpaaren kommt, denn mit den gesellschaftlichen Umwälzungen wird der Schöpfungsbegriff ein anderer. Künstlerische Inspiration, Handschrift und Außenseitertum, all das wird als westlich-bourgeois abgestempelt. Stattdessen gilt das Proletariat als große Schöpfungsschicht, und der Künstler soll die Arbeiter mit anführen.

War es denn nicht schwierig, an russische Leihgaben zu kommen?

Eipeldauer: Insbesondere die Moskauer Tretjakow Galerie hat sehr geholfen, auch mit der Recherche. Die politische Situation ist momentan nicht einfach, das haben wir schon gespürt. Eine Zeit lang wussten wir nicht, ob die Schau zustande kommt.

Wie hat die Revolution das Leben der Künstlerpaare verändert?

Eipeldauer: Vor der Revolution sind die Künstler die Bohème, die gegen das zaristische Russland auftritt. Danach geht es um die Gestaltung von Massenspektakeln, etwa die 1.-Mai-Feiern, oder um die Gründung eines neuen Museums. Die Avantgarde kann auch in die neue, von ihr mitkonzipierte Kunsthochschule Wchutemas einziehen. F

Kunstforum, bis 31.1.


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