Tiere

Das Orfakel

Falters Zoo | Peter Iwaniewicz | aus FALTER 42/15 vom 14.10.2015


Der peinsame Moment wird als Orfakel in die Geschichte eingehen. Nach dem Schließen der Wahllokale präsentierten die Moderatoren des ORF eine Stunde lang die Ergebnisse einer Wahlumfrage der Sora-Instituts, die keinen auch noch so kleinen Zweifel am faktischen Ausgang der Wahl ließ. Nach Veröffentlichung der ersten Hochrechnung erwiesen sich die prognostizierten Stimmengewinne und -verluste der Parteien als Rauch ohne Feuer.

Selbst das Fischorakel des Apollon im lykischen Sura hätte gültigere und unterhaltsamere Voraussagen machen können: Orakelsuchende werfen zwei hölzerne Spieße mit je zehn Stücken gebratenen Hühnerfleischs in ein Wasserbecken. Ein Augur berichtet über Anzahl und Art der am Fleisch nagenden Fische und der Orakelpriester erkennt daraus die Antwort (z.B.: „Die blauen Fische sind zahlreich, und wenn du die Donau überquerst, wirst du dein Reich verlieren“).

Der ORF hätte zuerst mit einem einfachen Binärorakel beginnen sollen, das einem zwingenden Wenn-dann-Schema folgt. Man zupft reihum einem Gänseblümchen die Blütenblätter aus („FPÖ wird Sieger, SPÖ wird Sieger, …“).

Für komplexere Fragestellungen eignet sich dann die babylonische Leberbeschau, in dem sich der Wille Gottes (jetzt: der Wählenden) kundtut. Zur Erkundung dieses Willens wird ein Schaf geschlachtet und dann das Aussehen seiner Leber gedeutet. Die rechte Seite der Leber steht für die Verhältnisse des Klienten, die linke Seite für äußere Einflüsse. Ungewöhnliche Löcher im Organ gelten als böses Omen, das zur Vorsicht rät (z.B.: „Ein rotes Loch im ersten Bezirk wird einen Landesparteichef den Kopf kosten“). Ich sehe eine glorreiche Zukunft für das Orakel vom Küniglberg. Demoskopen und Politikberater sind die neuen Wahrsager, die nicht nur Fakten deuten, sondern eine Beziehung zu den einflussreichen höheren Mächten herstellen. Hans-Magnus Enzensberger sah in der Demoskopie „strukturelle Ähnlichkeit mit den mantischen Praktiken der Alten Welt“.

Die Stimme Gottes spricht als „repräsentativer Querschnitt“ zu uns. Parteipolitisch unbefleckte Vestalinnen deuten den Flug der Vögel und wissen, wann schwarze Krähen weichen, rote Kehlchen tiril- und blaue Meisen randalieren.

Ceterum censeo: Der ORF muss das neue Orakel von Delphi werden!


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