Fragen Sie Frau Andrea

Freund und Zwetschkenröster

Kolumnen | Andrea Maria Dusl | aus FALTER 42/15 vom 14.10.2015

Liebe Frau Andrea, gelegentlich werde ich als "Freund und Zwetschkenröster" angesprochen. Bitte, was hat die interpersonale Empathie mit der herbstlichen Obstverwertung zu tun? Freundschaft und Zwetschken -sind die nicht wie die unvergleichbaren Äpfel und Birnen? Mir ist nicht einmal klar, ob es sich um eine negative oder positive Konnotation handelt. Bitte um Aufklärung! Josef Dollinger, Neubau, per E-Mail

Lieber Josef,

unsere Anrede ist österreichischer Herkunft und auch nur hier verbreitet. Semantisch schließt sie an Wendungen an, die den Kupferstecher (mein lieber Freund und Kupferstecher) und den Gesangsverein (mein lieber Herr Gesangsverein) inkorporieren. Es verbinden sich Momente des Warnens, Drohens und des verblüfften Erstaunens mit mahnender, aber wohlgesinnter Umarmung. Woher aber kommt die Redewendung? In seinen Werken "Älpler"(1886),"Das Volksleben in Steiermark"(1888) und "Alpensommer"(1908) beschreibt der steirische Waldbauernbub und Nationaldichter Peter Rosegger die verschiedenen Charaktere seiner Bergbauernheimat. Es werden der Dorfgeistliche, der Richter, die Hausfrau, die Zuchtdirn, der Einleger, der Gelehrte, der Winkeldoktor, der Lotterienarr, der Viehhändler, der Bratelgeier und zahlreiche andere Typen des Hochgebirges beschrieben. In der Wiedergabe einer Scherzpredigt, die ein Bauer in der östlichen Steiermark mit aufgeklebtem Kapuzinerbart zum Besten gibt, zitiert Rosegger den verkleideten Gebirgsgeistlichen mit dem satirischen Eröffnungsstatement: "Geliebte Zuhörer, Zwetschkenröster und Schafscherer!" Eine Variante dieser Geschichte kennt die "Geliebte(n) Zuhörer, Zwetschkenröster und Gassenkehrer!", zwischendurch eingeschoben werden "meine lieben Zuhörer, Schuhflicker und Kohlenstörer!". Die Begrifflichkeiten stellen sich in eine Tradition von Faschingsreden und Schmähpostillen. Gemeint ist mit dem Zwetschkenröster also nicht das kompottartige Beigericht zum Kaiserschmarrn, sondern der Dörrzwetschken röstende Bergbauer. Die Frage nach der Autorenschaft der Redewendung muss die Roseggerforschung beantworten, mit einiger Berechtigung ist an die weitgehend dokumentarische Wiedergabe von Originalzitaten aus Zeit und Milieu zu denken.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige