Das Krokodil

Ein 114 Jahre altes Beisl in der Brigittenau wurde gerettet

Stadtleben | LOKALKRITIK: FLORIAN HOLZER | aus FALTER 42/15 vom 14.10.2015


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Es gibt so Geschichten, die erlebe ich besonders gern: Ich hab das Beisl vor zwei Jahren im Zuge einer Grätzelreportage entdeckt, war von der sentimentalen Schönheit dieses vergessenen Ortes begeistert, sprach mit dem Wirt, Herrn Artner, der mir erzählte, dass er früher täglich 120 Essen verkauft hätte, jetzt kaum mehr etwas und wohl bald zusperren werde. Was es mit dem ausgestopften Krokodil auf der Trennwand zwischen Schankstube und Extrazimmer auf sich hat, erzählte er nicht.

Auch Julia Höllerschmid ging irgendwann an dem Lokal vorbei, es fiel ihr auf, weil ihr Mädchenname Artner ist, ihrer Mutter, einer ehemaligen Wirtin aus dem Waldviertel, ging es genauso. Weshalb sie beschlossen, einmal hineinzuschauen, „und da hat es gerochen, wie es nur in alten Wirtshäusern riecht“.

Man wurde rasch einig, die ausgebildete Grafikerin aus der Wirt-Familie und ihr Mann Ernst, ein Elektriker aus Regau, der auf TCM umgesattelt hatte, waren plötzlich Wirte. Dass Julia auch mit Restaurierungen zu tun hatte, erwies sich als Vorteil, Julias Mutter putzte die massive Schank eine Woche lang mit Wattestäbchen, Julia selbst machte ein Intensivseminar bei ihrer Schwiegermutter, „der Schnitzelkönigin von Regau“, Ernst erwirkte Ausnahmegenehmigungen, das Lokal trotz archaischer Lüftungsanlage betreiben zu können.

Im Juni eröffneten sie, das Publikum veränderte sich rasch, erzählen die beiden, nach ein paar Vernissagen, Lesungen und Musikabenden waren sie bei den bisherigen Stammgästen, verbitterten Mindestpensionisten, bald als linkslinkes Gsindel gebrandmarkt. Dafür kamen jetzt die Jüngeren.

Es ist ein wunderschönes Lokal. Mit Holzboden, mit massiven Holzbankerln, von Erich Artner über die Jahrzehnte akkurat poliert, die knarren wie Kirchenbänke; mit Resopaltischen, bei denen einem das Herz aufgeht; mit Kanonenofen und mit einer Lambris, die da wohl schon seit den 30ern ihren Dienst verrichtet.

Ernst Höllerschmid bringt das kleine Gulasch: Zwiebel und süßer Paprika zu einer roten Masse konglomeriert, die von den Stückchen mürben Wadschunkens absorbiert wird, großartiges Gulasch (€ 4,60). Die Rindsuppe ist zart, mild, erfrischend und köstlich, drin schwimmen Brandteigkrapferln. Wann hatte ich das letzte Mal Suppe mit Brandteigkrapferln (€ 2,50)? Das Schnitzel ist großartig, in der Pfanne gebacken, die Pommes frites selbst geschnitten. Okay, die Preiselbeeren sind eine Provokation, aber Regau ist in Oberösterreich, dort gehört das so (€ 5,90/8,70). Das Seidel Traunsteiner Helles kostet 2,60, absurd wenig.

Das ausgestopfte Krokodil wurde vor der Übernahme durch die Höllerschmids übrigens von einem Stammgast in Sicherheit gebracht, man weiß ja nie. Nach zwei Wochen brachte er es zurück, es steht jetzt wieder auf der Trennwand.

Resümee:

Ein uraltes Wiener Gasthaus voller Details und Traditionen. Von jungen Leuten gerettet, mit Liebe renoviert und mit Herz bekocht.

Bin beim Artner
20., Dammstr. 13
Tel. 0680/240 19 59
Mo–Fr 15–23 Uhr
www.bin-beim-artner.at


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