Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Abwehrkampf

Falter & Meinung | AT | aus FALTER 42/15 vom 14.10.2015

Die Zeiten bleiben gleich, und sie ändern sich. Die rechte Verschärfung zeichnete sich 1995 in Form einer nicht abreißenden Briefbombenserie ab, aber auch im scheinbar unaufhaltsamen Aufstieg des Jörg Haider. Am Ballhausplatz saß seit einem Jahr ein Vizekanzler in der Regierung, der Ambitionen eigener Art pflegte. Wie Werner Vogt es in typischer Knappheit ausdrückte: "Der Mann mit der Fliege organisiert die Dritte Republik."

Der Mann mit der Fliege war Wolfgang Schüssel (nach der Wende legte er diese zugunsten der Krawatte ab, da gab es aber schon Blau-Schwarz). 1995 ergriff er die erste Chance, die Koalition mit der SPÖ zu kündigen und nach nur einem Jahr Neuwahlen zu riskieren (man hatte sich nicht über ein Budget einigen können). Franz Vranitzky schrieb einen Brief an die Pensionisten des Landes, was dann die SPÖ zu einem bescheidenen Erfolg trug; aber dazu kommen wir später in dieser Kolumne.

In der Kronen Zeitung schrieb Hans Dichand: "Es geht um Sparen und sonst nichts", aber in Wahrheit wusste jeder, es geht um die Koalition mit Haider. Es ging aber noch ein anderes Schreckgespenst durch Österreich: der (oder die) Briefbombenattentäter. Auf dem Postamt Poysdorf im Weinviertel explodierte eine Bombe in der Hand der Flüchtlingshelferin Maria Loley. Die 71-Jähige war gewarnt, sie öffnete keine Briefe mit verdächtigen oder auch nur ihr unbekannten Absendern. Dieser trug den Namen der Bruno-Kreisky-Stiftung, eine besonders tückische Finte. Loley musste mit schweren Verletzungen in ein Krankenhaus eingeliefert werden.

Bernhard Odehnal, Klaus Zellhofer und Martin Staudinger, das Falter-Team, das die Briefbomben recherchierte, als deren Absender eine mystische "Bajuwarische Befreiungsarmee" auftrat, stellten eine neue Theorie vor. In Summe auf einer Landkarte betrachtet, ergaben die Adressen der Empfängerinnen der Bombenbriefe ein neues Bild. Die Bomben markierten die Außengrenze, an der die Babenberger-Herzöge ihren "Abwehrkampf" gegen anstürmende slawische Massen führten.


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