Theater Kritik

Drama: Blutiger Finger, singende Nebelkrähe

Lexikon | SS | aus FALTER 43/15 vom 21.10.2015

Der Anfang von Anna Bergmanns Inszenierung von "Fräulein Julie" ist großartig, allein deswegen lohnt es sich, dieses Stück zu sehen. In einer spärlich eingerichteten Küche hinter Glas sind die Magd Kristine (Bea Brocks) und der Knecht Jean (Florian Teichtmeister) in historischen Kostümen zugange. Sie sprechen miteinander, aber man kann sie nicht hören. Wie im Stummfilm ist ihr Sprechen übertitelt. In einem großen Vogelkäfig sitzt eine Nebelkrähe. Draußen vor der Küche geht ein Mann (Selig-Sänger Jan Plewka) in einem schwarzen Federkleid auf und ab. Irgendwann wird er mit Kristine das schwedische Lied "Vem kan segla utan vind" singen, ein großer Moment.

August Strindbergs Drama, das vom Liebesverhältnis zwischen der jungen hochadeligen Julie und ihrem Knecht Jean handelt, wurde mehrfach verfilmt. Passend also, dass Bergmanns Regiearbeit wie eine kleine Geschichte des Films anmutet. Die Kostüme (Lane Schäfer) wechseln und wandern durch die verschiedenen Zeiten. Das Bild der traditionellen Küche (Bühne: Katharina Faltner) löst sich auf. Über den Stummfilm geht es ins Musical-Genre und zum Psycho-Thriller. Zum Schluss wird die Inszenierung fast zum Splatter-Theater, wenn ein blutiger Finger durch die Luft fliegt und Jean die Näbelkrähe köpft. Das ist stellenweise höchstdramatisch und kitschig, aber auch ziemlich witzig.

Das junge Fräulein ist hier übrigens nicht mehr ganz so jung. Sona MacDonald spielt die Liebeshungrige, die in der Mittsommernacht ein Verhältnis mit ihrem Diener beginnt. Der Tabubruch, der eigentlich im Klassen-Unterschied liegt, wird durch den Altersunterschied zwischen den Geliebten erweitert. Dass das Fräulein Julie eine Ritzerin ist, ist vielleicht ein bisschen überdeutlich. Insgesamt aber ist der jungen Regisseurin ein sehr eigentümlicher und spannender Abend gelungen.

Theater in der Josefstadt, Sa-Di 19.30, So auch 15.00


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