Stadtrand Urbanismuskolumne

Die Wiener Überpünktlichkeit

Stadtleben | aus FALTER 43/15 vom 21.10.2015

Die Deutschen, so sagt man, die seien pünktlich, wie die Stechuhr. Auch den Österreichern wird gerne einmal diese phänomenale Eigenschaft nachgesagt. Ist ja auch fantastisch, in einem Land zu leben, in dem Zeitpläne nicht nur Jux und Tollerei sind. Die Wiener, die nehmen diese Sache besonders ernst: Sie sind meist überpünktlich. Zwar nicht unbedingt, wenn es darum geht, zur vereinbarten Zeit an einem Treffpunkt zu erscheinen, um zur angekündigten Uhrzeit ein Geschäft aufzusperren oder ein Amt einzunehmen - da ticken die meisten Uhren ein bisschen ungenau.

Überpünktlich sind die Wiener - die Sperrstunde beim Wirt ausgenommen -, wenn es um den Beginn der Mittagspause und den Feierabend geht. Hat der Supermarkt etwa bis 19.30 Uhr geöffnet, dann kann man sich ziemlich sicher sein, dass es bereits um 19 Uhr kein Brot mehr gibt, spätestens um viertel begonnen wird, Obst und Gemüse wegzuschaffen, und einem, wenn man es wagt, das Geschäft um 19.20 Uhr im Schnellschritt zu betreten, eine Kassierin entgegenbrüllt: "Hean S', es is hoiba, mia sperren scho zua!"

Birgit Wittstock über das Phänomen der anlassgebundenen Wiener Zeitwahrnehmung


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