Neue Bücher

Lebensentwürfe

Feuilleton | aus FALTER 43/15 vom 21.10.2015

Salzburg in den 1970er-Jahren und Linz anno 2010 geben den Rahmen des ersten Romans des Literaturkritikers, Gymnasialdirektors und ehemaligen Kabarettisten Christian Schacherreiter ab. Der Kulturbeamte Johannes Rettenpacher, Mitte 50, begegnet eingangs seiner Jugendliebe Dora zufällig wieder. Die sich rasch anbahnende Affäre gibt ihm Gelegenheit, die Studienzeit im linken Milieu zu rekapitulieren und mit den Salonbolschewisten von damals, die entweder scheiterten oder in bürgerlichen Berufen landeten, genüsslich abzurechnen.

Rettenpacher, der geglaubt hatte, mit einer untergeordneten Stellung, dem Verzicht auf Familie und einem Wochenend-Refugium fein raus zu sein, wird aber im Laufe des Romans noch mehr vom Leben gebeutelt und dabei unter anderem über seine Praktikantin Lisa mit dem Lebensentwurf der Generation Praktikum konfrontiert. Ein ebenso kluges wie unterhaltsames Buch. KB

Berlin, 1992: Frank Castorf übernimmt die Volksbühne, Christoph Marthaler inszeniert, Christoph Schlingensief auch. Die Studentin Annika Krump taucht als Regiehospitantin ein ins Innenleben dieses Hauses, das Theatergeschichte schreibt und für Schlagzeilen sorgt. Sie ist erst begeistert und dann todmüde. "Ich bin vom Alltag, von der Institution Theater, desillusioniert. Der Verschleiß an Menschen ist ungemein", schreibt sie in ihr Tagebuch, das von ihrem dreijährigen Volksbühnen-Abenteuer erzählt.

Zwischen Krumps persönlichen Erfahrungen - sie verliebt sich und betrinkt sich in der Kantine - stehen Regiebuch-Aufzeichnungen und Probengespräche. Das ist ziemlich witzig und immer interessant. Ein schönes Theaterbuch, das einen hellwachen Blick auf die ersten Jahre eines legendären Intendanten wirft, der bei seiner Eröffnungsrede sagte: "Ick bin ja ooch keen Intendant. Es ist halt ein Versuch." SS


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