Menschen

Viennalissimo!

Falters Zoo | Lukas Matzinger, Benedikt Narodoslawsky, Marianne Schreck, Barbara Tóth, | aus FALTER 43/15 vom 21.10.2015

Der neue - eigentlich gar nicht neue, aber neuerdings sehr aktive - Intercont-Eigentümer Michael Tojner weiß, wie man die Wiener Gesellschaft unterhält. Tojner ist der Mann hinter der Neugestaltung des Eislaufvereins. Er will aus dem ins Abseits geratenen und doch wunderschönen Areal einen neuen Sport-und Kulturcluster machen. Ein zweites Museumsquartier, nur noch cooler. Was liegt also näher, als ein Fest für tout Vienne zu schmeißen?

Und tout Vienne heißt im Oktober Viennale! So fusionierten Donnerstag letzte Woche das geldige Intercont-und das intellektuell-cineastische Viennale-Publikum, um es sich so richtig gutgehen zu lassen. Mit fantastischen Cocktails for free, Barfood im Retro-Style (Pommes frites mit Mayo! Mini-Hamburger!) for free und gaaanz vielen Promis for free. Die Vorstadtweiber Nina Proll und Maria Köstlinger waren da, Volkstheater-Diva Andrea Eckert war da, natürlich Viennale-Chef Hans Hurch und Architekt Isay Weinfeld, der den neuen Turm zum Intercont bauen wird. Als Giveaway bekamen die Gäste einen opulenten Bildband mit historischen Fotos vom Hotel -quasi der historische Referenzrahmen zum Abend. Alles klar: Hier wurde einmal stilvoll gefeiert und soll ab jetzt wieder stilvoll gefeiert werden. Es gibt wirklich schlimmere Perspektiven.

Eric Pleskow, Präsident der Viennale, gewann die meisten Oscars aller Produzenten, von "Einer flog über das Kuckucksnest" bis "Das Schweigen der Lämmer". Der 1924 in Wien geborene und von den Nazis vertriebene Pleskow ist bereits Ehrenbürger der Stadt Wien. Nun widmete ihm das Metro-Kino am Sonntag einen Saal. Ex-Stadtrat Peter Marboe, Metro-Chef Ernst Kieninger und Förderer Ingrid und Christian Reder teilten die Einschätzung von Viennalechef Hans Hurch: Pleskow ist der Star der heurigen Viennale. Der blieb wie immer und ewig trocken: "Schön, dass ihr für die Benennung dieses Saals keinen Besseren gefunden habt als mich!"

Das ging ja schnell: Vergangenen Montag trat Gregor Gysi in Berlin als Parteichef der Linken ab und schon am Freitag als linker "Gesellschaftspolitiker"(Eigendefinition) in Wien auf. Die Arbeiterkammer hatte den streitbaren Politiker zum Stadtgespräch geladen, Thema: die Zukunft Europas. Wenn der kleine Gysi spricht, darf man sich ein großes rhetorisches Feuerwerk erwarten. Genau so kam's. Gysi hatte das Publikum im knackevollen Saal des AK-Bildungszentrums in der ersten Minute auf seine Seite gezogen. Angetan lauschten etwa die Schriftsteller Robert Menasse und Clemens Berger, während Gysi seine Thesen zur Linken in Europa, zur Flüchtlingskrise und der griechischen Schuldenmisere abspielte. Kabarettist Werner Schneyder bekam von ihm einen wertschätzenden Augenzwinkerer, den AK-Präsidenten Rudolf Kaske adelte Gysi gar mit einem Witz über Kaskes wirklich sehr, sehr rote Hose.

Feiern wäre wohl der falsche Ausdruck für diesen eher stillen und nachdenklichen Abend: Verblüfft verglich man letzten Montag die beiden Fotos von Burgschauspielerin Dorothee Hartinger und der jungen Marlen Haushofer (Jahrgang 1920) im Programm des von Hartinger für die Bühne adaptierten Haushofer-Stücks "Die Wand". Man saß leicht fröstelnd neben Burgtheater-Direktorin Karin Bergmann und der ehemaligen Intendantin der Perchtoldsdorfer Sommerspiele Barbara Bissmeier im Kasino am Schwarzenbergplatz und schaute Dorothee hingerissen beim einsamen Sterben zu. Es war eine kleine Produktion im fürs Experiment bekannten Kasino und eine ganz besondere: Der Erlös kam Mutter-Kind-Einrichtungen der Caritas zugute.


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