Kunst Kritik

Der Mensch in der digitalen Maschine

Lexikon | aus FALTER 43/15 vom 21.10.2015

Das Video "Fat Finger Confession" des Künstlers Axel Stockburger veranschaulicht den Begriff "Social Glitch", Titel und Thema einer anspruchsvollen Ausstellung im Kunstraum Niederösterreich. Stockburger inszenierte ein Interview mit einem Börsenhändler, der die Verantwortung für einen Börsencrash übernimmt. Ein von einem Menschen verursachter Fehler, ein social glitch, als Störung des von Algorithmen gelenkten Hochgeschwindigkeitshandels? Stockburgers Film lässt diese von den Massenmedien gerne kolportierte Geschichte selbst als nostalgische Lüge erscheinen, als Rückbesinnung auf eine Zeit, als nicht Maschinen, sondern Menschen den Lauf der Dinge bestimmten.

Das Kuratorentrio Sylvia Eckermann, Gerald Nestler und Maximilian Thoman hat Werke zusammengestellt, die sich mit dem Einfluss moderner Technologien auf das Leben beschäftigen. Nicht immer gelingt das so einleuchtend wie im Fall der Arbeit von Axel Stockburger. So recherchierte Nabil Ahmed die geografische Lage eines Bergbaugebiets in Neuguinea. Der Künstler hat Unterwasser-und Satellitendaten gesammelt, um die von Bergbauunternehmen verschwiegene Kontaminierung der Erde aufzudecken. Die Karten, Modelle und Filmsimulationen vermitteln nicht mehr Information, als dies ein Zeitungsartikel tun würde.

Die Gruppe Forensic Architecture rekonstruierte den Schaden, den eine US-Drohne bei einem Angriff auf eine pakistanische Stadt angerichtet hatte. Mithilfe von Zeugenaussagen konnte das digitale Modell eines nicht mehr existierenden Hauses erstellt werden. So wird ein tödliches Ereignis, für das sich kein Gericht zuständig fühlt, ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Ästhetische Fragen über digitale Bildproduktion sind hier produktiv mit der Möglichkeit einer alternativen Geschichtsschreibung verknüpft. M D Kunstraum NÖ, bis 5.12.


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