Enthusiasmuskolumne Diesmal: das beste Kleidungsstück der Welt der Woche

It never will be over: Rock-'n'-Roll-Pullover

Feuilleton | Klaus Nüchtern | aus FALTER 43/15 vom 21.10.2015

Nein, er hat kein Comeback. Er war nie weg. Es hat bloß keiner gemerkt. In Geschäften, die Schalkrawatten mit Paisley-Muster führen, war er das letzte halbe Jahrhundert immer vorrätig, der Rollkragenpullover. Aufgekommen ist er - Wikipedia-Wissen! - im ausgehenden 19. Jahrhundert unter, no na, britischen Herrschaften, die mit Schlägern Bälle über extrem kurzflorige und gutgepflegte Rasenflächen schlugen.

Seine große und verwegene Zeit kam in den 50er- und 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts, wo das Tragen eines Turtleneck Sweater - wie das Teil auf Englisch heißt (obwohl Schildkröten doch gar keine Pullis tragen!) - für coole, intellektuelle Lebensverachtung oder für "Warum nicht schon mal mit dem Aston Martin zum nächsten Martini düsen?" stand.

Eine sehr hübsche Parodie auf den Rollkragenpullizeitgeist findet sich in "Funny Face" (1957), wo eine rollbekragte, in einem Existenzialistencafé tanzende Audrey Hepburn sich vor den schreckgeweiteten Augen Fred Astaires auf sehr anmutige Weise total zum Affen macht. Der Versuch des Verfassers dieser Zeilen, den Spirit of Turtleneck in die Seventies und selbigen unter dem Hemd zu tragen, darf als gescheitert betrachtet werden.

Dennoch darf man dieses Kleidungsstück nicht vorschnell in die Ecke werfen, wo Menschen mit Socken Sex auf Schleiflackkommoden haben. Russell Brand würde nie einen Rolli tragen, Steve McQueen hat es sehr wohl getan, was doch sehr für beide spricht: Steve McQueen und den Rolli.

Richtig eingesetzt (etwa zu einem Harris-Tweed-Sakko) verleiht der Rollkragen eine nonchalante Distinguiertheit. In der aktuellen Kollektion des britischen Wirkwarenherstellers John Smedley ist der Rolli übrigens im Farbton Deep Teal vorrätig. Krickentenfarben ist erpelscharf!


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