Kino galore: 350 Filme in 14 Tagen

Das Wiener Filmfestival Viennale ist dieses Jahr breiter aufgestellt als je zuvor

Lexikon | TIPPS: MICHAEL OMASTA, SABINA ZEITHAMMER | aus FALTER 43/15 vom 21.10.2015


Szene aus Last Shelter (Foto: Viennale)

Szene aus Last Shelter (Foto: Viennale)

Ein fossiler Tierschädel und eine Blondine, die von Krähen attackiert wird, zieren die zwei Plakate zur diesjährigen Viennale. Das ist mehr als passend, schreibt man im Filmmuseum unter dem Titel „Animals“ doch eine kleine Zoologie des Kinos. Dass die Retro schon im Gange ist, dürfte ebenso kein Geheimnis mehr sein wie der Wien-Besuch von Tippi Hedren, der Hauptdarstellerin von Hitchcocks Klassiker „The Birds“, als Stargast des heurigen Festivals.

An dessen Rahmenbedingungen – zwei Wochen üppiges Filmprogramm in fünf Kinosälen (plus Retrospektive) – hat sich nichts verändert, nur dass es weniger Wiederholungen gibt und die Viennale somit breiter aufgestellt ist als je zuvor. Unter den mehr als 90 Spielfilmen etwa finden sich Liebes- und Lebensgeschichten, politisches Kino, historische und experimentelle Filme, Sci-Fi und Fantasy, Träumerisches und hochaktuelle Themen wie Flucht und Migration.

Jacques Audiards „Dheepan“ erzählt von drei Kriegsflüchtlingen aus Sri Lanka, die sich als Familie ausgeben und in Paris ein neues Leben beginnen. In den Wohnblocks der Vorstadt werden sie bald in den lokalen Drogenkrieg hineingezogen. Ebenfalls aus Frankreich stammt „Fatima“. Philippe Faucons subtiles Migrantinnendrama handelt von einer aus Algerien stammenden Alleinerzieherin und Putzfrau, die mit ihren Töchtern in Lyon lebt.

Politische Verhältnisse ihrer Herkunftsländer greifen Emin Alper und Tudor Giurgiu auf. In „Abluka“ („Frenzy“) thematisiert Ersterer die von politischer Gewalt geprägte Stimmung in der Türkei anhand der Geschichte zweier Brüder. Paranoia und Einsamkeit verbinden sich zu einer albtraumhaften Erzählung. Giurgius „De ce eu?“ („Why Me?“) beruht auf den wahren Erlebnissen des rumänischen Staatsanwalts Cristian Panait. Er deckte ein Komplott auf Staatsebene auf – und wurde selbst zum Verfolgten des Systems.

In einer der ärmsten Regionen der USA ist „Songs My Brothers Taught Me“ von Chloé Zhao angesiedelt: Zwei Geschwister verbringen ihren letzten gemeinsamen Sommer in einem Reservat für Ureinwohner in South Dakota. Gedreht wurde mit Laiendarstellern.

Andere Filmemacher schlagen eine Brücke zwischen Kino und Literatur: Emyr ap Richard versetzt Franz Kafkas „Das Schloss“ mit „K“ in die Innere Mongolei, Miguel Gomes orientiert sich für seinen Dreiteiler „As Mil e Uma Noites“ an der Geschichtensammlung „Tausendundeine Nacht“; Handlungsort ist das krisengebeutelte Portugal unserer Zeit.

Michael Almereyda beleuchtet eine berühmte Versuchsreihe: Das Milgram-Experiment sorgte 1961 weltweit für Aufsehen. Peter Sarsgaard spielt im Biopic „Experimenter“ den Sozialpsychologen Stanley Milgram. Unvergessen ist auch der Fall des 14-Jährigen, der 2009 in einen Supermarkt in Krems einbrach und von einem Polizisten erschossen wurde. Stephan Richter schildert in „Einer von uns“ die Umstände der Tragödie, eingebettet in eine Milieustudie.

Eine surreale Sci-Fi-Fantasy-Mischung hat Yorgos Lanthimos mit der Komödie „The Lobster“ geschaffen: In einer dystopischen Zukunft müssen Menschen als Paare leben. Finden Singles während eines Hotelaufenthalts von 45 Tagen keinen Partner, werden sie in Tiere verwandelt. Außergewöhnliches mit Colin Farrell, John C. Reilly und Rachel Weisz.

Migration und Vertreibung, das Fremdsein im eigenen Land und sogar Körper zählen auch zu den Motiven in etlichen der gut 70 dokumentarischen Arbeiten. Der junge Wiener Filmemacher Jakob Brossmann erzählt von „Lampedusa im Winter“ und zeigt die sogenannte Flüchtlingsinsel und ihre Bevölkerung in einem anderen Licht als die täglichen TV-Nachrichten. Die dreimonatige Besetzung der Wiener Votivkirche im Winter 2012/13 durch Asylwerber aus Pakistan und Afghanistan steht im Mittelpunkt von „Last Shelter“, dem neuen Film von Gerald Igor Hauzenberger, der hier Mechanismen von Aktivismus, medialer Öffentlichkeit und Politik analysiert.

Petra Costa und Lea Glob begleiten in „Olmo and the Seagull“ eine junge Schauspielerin vom Théâtre du Soleil, die durch eine Schwangerschaft in ihren Grundfesten von Freiheit und Unabhängigkeit erschüttert wird. Die große, vor zwei Wochen aus dem Leben geschiedene Filmemacherin Chantal Akerman setzt sich in „No Home Movie“ mit dem Sterben ihrer Mutter Natalia, einer Überlebenden des Holocaust, auseinander.

Bereits 1948 befasste sich der linke US-Dokumentarist Leo T. Hurwitz in „Strange Victory“ mit Alltagsrassismus und Meinungsfaschismus in seiner Heimat. Der Film, der bei der Viennale in restaurierter Fassung zu sehen ist, wirft eine zentrale Frage auf: „Wenn wir den Krieg gewonnen haben, warum sehen wir dann aus, als ob wir verloren hätten?“

Viennale, 22.10. bis 5.11., www.viennale.at


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