Buch der Stunde

Gegen die Macht: Lernen von Prozessberichten

Feuilleton | STEFANIE PANZENBÖCK | aus FALTER 44/15 vom 28.10.2015

Warum soll man Gerichtsberichte aus der Zeit von 1967 und 1969 lesen, noch dazu in Buchform unter dem wenig anregenden Titel "Prozesse"? Der Name des Autors, Uwe Nettelbeck, könnte ausschlaggebend sein. In den 1960er-Jahren Redakteur im Feuilleton der Zeit, später kurz bei Konkret, dann Herausgeber der Zeitschrift Republik, legte er sich schon früh mit den Mächtigen an. Von seiner Kritik nahm er weder den Justizapparat noch den Kulturbetrieb oder seinen eigenen Arbeitgeber aus.

Es dauerte auch nicht lange, bis er aus dem Journalismus überhaupt ausstieg. Seiner Leidenschaft, gegen autoritäre Strukturen anzuschreiben, tat das keinen Abbruch.

Nettelbeck rüttelte am System mit klaren, unmissverständlichen und dennoch äußerst eleganten Formulierungen. Diese "Gerichtsberichte", die seine Frau und Mitstreiterin Petra Nettelbeck nun acht Jahre nach dem Tod ihres Mannes herausgegeben hat, sind ein journalistisches Lehrstück. Sie zeichnen sich durch Unbestechlichkeit, akribische Recherche und starke, nachvollziehbare Bewertung aus und sind das Porträt einer Gesellschaft, die Nettelbeck von polizeistaatlichen Strukturen durchdrungen sah.

Den Gerichtssaal beschreibt Nettelbeck als Soziotop. Nicht die Tat interessiert ihn in erster Linie, sondern die Geschichten dahinter. Damit entschuldigt er weder die Frau, die die Ehefrau ihres Geliebten erschossen hat, noch den Jugendlichen, der Kinder bestialisch ermordete.

Vielmehr gibt er ihnen ein menschliches Antlitz zurück, das durch Medienkampagnen und voreingenommene Richter nur allzu leicht abhanden kam. Aber nicht nur die Angeklagten sind für Nettelbeck interessant. Richter, Staatsanwälte und Verteidiger analysiert und kritisiert er mit derselben Detailliertheit.

Es ist auch stets klar, für wen er Partei ergreift, wobei Nettelbeck herkömmliche Täter-Opfer-Schemata sprengt. Das Buch endet mit einer Brandrede gegen angepassten, systemkonformen und deshalb so gefährlichen Journalismus. Schon allein deshalb sollte man es heute lesen.


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