Krieg im Leben und ein Leben im Krieg

Das Theaterstück Cactus Land dreht sich um die Wirkung von Kriegsberichterstattung

Lexikon | Maria Motter | aus FALTER 44/15 vom 28.10.2015

Der Blick des Journalisten auf den Krieg ist ein Blick des Zuschauers. Diese Perspektive nimmt die 1984 in London geborene Regisseurin Lily Sykes als Ausgangsposition für ihr Stück "Cactus Land". "Welche Wirkung hat Krieg auf den Zuschauer und welche Wirkung hat dieses Ausmaß an Konflikten, die jetzt stattfinden, auf uns, die medial zuschauen?", fragt Sykes. Ihr Theaterstück basiert auf zwei Büchern des britischen Kriegsreporters Anthony Loyd, "My War Gone By, I Miss It So" und "Another Bloody Love Letter". Loyd erzählt nicht allein von Kriegserlebnissen, sondern bringt seine verzwickte Familiengeschichte mit ein, die voll unter den Teppich gekehrter Geheimnisse ist. "Es geht um ein Leben im Krieg und um den Krieg im Leben", sagt Lily Sykes.

Auch ihre Mutter war Kriegsjournalistin "zwischen meinem ersten und achten Lebensjahr", sagt die Regisseurin. Sykes erinnert sich, wie ihre Mutter war, als sie zurückkam. "Sie hat es nach dem Krieg sehr schwierig gefunden, sich an die normale Arbeit und an die Realität anzupassen", sagt die Regisseurin im Interview. Ihre Mutter beendete ihre Arbeit als Journalistin nach ihrem letzten Einsatz im Jugoslawienkrieg komplett. Heute ist sie Familientherapeutin.

Nicht das Erleben der Soldaten, sondern einer fiktiven Person, die immer wieder zu Kriegsschauplätzen reist, steht im Zentrum der Handlung. "In Familiengeschichten gibt es Mythen, die man für sich und für die Familie erzählt, um die Kultur aufrechtzuerhalten. Und das hatte für mich sehr viel mit dem Konflikt des Jugoslawienkrieges zu tun: Wie man seine eigene Nation und sein Volk versteht", so Sykes. Für die Recherchen zu "Cactus Land" führte Sykes Gespräche mit Kriegsreportern, unter ihnen der deutsche Kriegsfotograf Christoph Bangert. Bei freiem Eintritt wird er in der Reihe "Zugabe" über die Grenze zwischen differenzierter Auseinandersetzung und voyeuristischer Vermarktung sprechen.

Schauspielhaus, Graz, Fr, Sa 19.20, Zugabe mit Christoph Bangert, Fr 18.30


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