Theater Kritik

Spröd und museal: Müllers Hamlet-Qual

Lexikon | SS | aus FALTER 44/15 vom 28.10.2015

Eine leere Museumswand dominiert die Bühne. In der Wand ist ein Loch, vor der Wand ein Absperrband, auf einem Podest liegt eine Ritterrüstung, in einer Vitrine steht eine kleine Statue. Die junge Regisseurin Christina Tscharyiski hat Heiner Müllers Text "Die Hamletmaschine" in ein Museumssetting (Bühne: Sarah Sassen) übertragen. Nur ist nicht ganz klar, was ist hier das Museale? Ist damit Heiner Müllers neunseitiger Text, der das Ergebnis seiner jahrelangen Auseinandersetzung mit Shakespeare war, gemeint?

Das Stück reflektiert angelehnt ans Drama des dänischen Prinzen die Situation des Intellektuellen in der DDR. Zerfetzt ist der Dramentext, kaum noch vorhanden, nur grobe Sprachfetzen sind bei Müller übriggeblieben. Hamlet ist hier nicht mehr nur eine Figur, sondern auch eine Rolle, aus der der Schauspieler heraustritt. Ignaz Kirchner wird irgendwann seine Geldbörse aus der Hosentasche ziehen und dem Publikum seinen Ausweis zeigen, um zu beweisen: "Ich bin nicht Hamlet."

Zum 20-jährigen Todestag wird der kaum aufgeführte Klassiker des DDR-Dramatikers in der kleinen Nebenspielstätte des Burgtheaters gespielt. Tscharyiski hat den Dänenprinzen doppelt besetzt, der alte Ignaz Kirchner trägt das Hamlet-"Blabla" mit viel Pathos vor, der junge Christoph Radakovits ergänzt mit etwas mehr Leichtigkeit. Am witzigsten und lebendigsten wird die Inszenierung im zweiten Akt, wenn die mädchenhafte Ophelia (Marie-Luise Stockinger), die "aufgehört hat sich zu töten", versucht, einen ausgestopften Stierkopf in die Kerbe an der Wand zu hieven, um sinnbildlich das Loch zu stopfen. Ansonsten ist der Abend, der um Müllers Kürzestdrama "Herzstück" erweitert wurde und mit Elektrosounds von Kyrre Kvam unterlegt ist, noch musealer als sein eigenes Bühnenbild: wenig innovativ und ziemlich spröde.

Burgtheater, Vestibül, Mo, Do 20.00


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