Theater Kritik

Gorkis Schwanken: Eine Familie geht unter

Lexikon | SS | aus FALTER 44/15 vom 28.10.2015

Der Bühnenboden ist wie ein schwankendes Schiff. Ein paar Meter über dem Parkett schweben die Bretter, auf die eine russische Wohnstube gebaut wurde (Bühne: Harald B. Thor). Hier geht die Familie rund um Wassa Petrowana Schelesnowa (Christiane von Poelnitz) langsam unter. Wassa ist die Mutter, "die große Sünderin und große Dulderin". Sie ist die tatkräftige Unternehmerin, die zurecht nervös wird, als der Familienbetrieb ins Wanken gerät. Der Mann, ein Trinker, liegt seit Monaten im Sterben. Die Kinder sind eine missratene "Brut" und auch die Schwiegerkinder sind um nichts besser. Im Endeffekt sind sie alle nur aufs Erbe aus. Diese Familie steht auf den Brettern, die die Welt bedeuten, und sie geraten gehörig in Schieflage.

Maxim Gorkis Stück "Wassa Schelesnowa" wird selten gespielt. Der Regisseur Andreas Kriegenburg inszeniert die frühe Textfassung aus dem Jahr 1910 wunderbar ästhetisch und schafft es trotzdem, die Grausamkeit dieses Untergangs einzufangen. Leise Piano- und Akkordeontöne unterlegen das Stück. Cremeweiß sind die Kleider der Frauen, nur Wassas Tochter Anna (Andrea Wenzl), die vor Jahren in die Stadt gegangen ist, um gegen den Willen der Eltern zu heiraten, trägt bei ihrer Rückkehr ein gelbes Kleid (Kostüme: Andrea Schraad). Dieses plötzlich Bunte bringt den Hauch von etwas anderem mit, es gibt also noch eine Welt außerhalb des Schelesnowa-Familienclans. Es herrscht eine Mischung aus Langeweile, Aggression und Verzweiflung. Zwischendurch wird der Onkel (Peter Knaack) sexuell zudringlich, Aenne Schwarz leidet ganz großartig als Ljudmila unter ihrer Ehe mit Wassas verkrüppeltem Sohn Pawel (Tino Hillebrand), und das Dienstmädchen Lipa (Alina Fritsch) schrubbt den schwebenden Bretterboden, bis sie sich endlos verzweifelt und von der Familie gedrängt letztendlich an ihm erhängt.

Burgtheater, Fr, Mo, Do 19.30


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