Asche zu Asche

Bereits jeder dritte Wiener lässt sich nach seinem Ableben verbrennen. Was kaum einer weiß: Die Liebe zur Feuerbestattung hat eine ursozialistische Tradition

Stadtleben | NACHFORSCHUNG: EVA KONZETT | aus FALTER 44/15 vom 28.10.2015


Foto: Harald Jahn / picturedesk.com

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Wenn das Leben vorbei ist, zählt hier nur mehr das Gewicht. Ob 150 Kilogramm oder 250 mit Sarg, das macht schon einen Unterschied, das verändert die Parameter. Die sterblichen Überreste müssen also erst mal mitsamt der Totenkiste auf die Waage, nachdem sie angeliefert worden sind. Vormittags, zehn Uhr im Krematorium Simmering, einen Steinwurf vom Zentralfriedhof entfernt. Gerade haben zwei Bestatter eine Fuhr im dunklen Mercedes-Kastenwagen hergebracht, nun stehen sie am Liefereingang und ziehen Herbstluft und Zigarettenrauch ein. Im Durchschnitt kommen pro Tag 20 Leichen in der Anlage an. Für die beiden Männer wird es heute nicht der letzte Tschick sein. Verschnaufpause.

Das Krematorium im elften Bezirk ist das einzige innerhalb der Wiener Stadtgrenzen und nicht nur deshalb bemerkenswert: Es ist ein denkmalgeschütztes architektonisches Juwel des Expressionismus auf den Ländereien eines Habsburgerschlosses, es ist aber auch Sinnbild sozialdemokratischen Stolzes und als solches Anlass einer politischen Fehde zwischen rechts und links bis hin zum Verfassungsgericht – damals in den 1920er-Jahren. Anzusehen ist das dem 1922 von Clemens Holzmeister erbauten Gebäude nicht. Lässig unaufgeregt, umweltfreundlich und TÜV-zertifiziert arbeitet die Anlage heute. Wie eine Trutzburg ragt sie in den nasskalten Herbsthimmel über Simmering, dieses Krematorium, das man in Wien Feuerhalle nennt, weil der Wiener die sprachliche Überhöhung liebt, erst recht im Angesicht des Todes. Wo sonst spricht man von einer „scheenen Leich“ und meint damit ein ordentlich, also üppig ausgerichtetes Begräbnis?


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