Das TiB bringt Vordernberg und ein Anhaltezentrum nach Graz

Lexikon | Theaterkritik: Hermann Götz | aus FALTER 44/15 vom 28.10.2015

Immer wieder fördert die radikal subjektive Soziologie des Theater im Bahnhof faszinierende theatrale Momente zutage. Dann kommt der Blick des Theaters einem Soziotop so nah, dass sich das Publikum an seinem Guckkastenfenster die Nase platt drückt. Das nennt sich zeitgenössisches Volkstheater und funktioniert besonders gut, wo das TiB um die Ecke zu Hause ist. "Lehrerzimmer 8020" war so ein Fall. Geht das TiB in die Provinz, ist das Bemühen, den Geruch von kulturellem Kolonialwarenumsatz abzustreifen, schwer zu leugnen -so gesehen bei "Operation Wolfshaut", wo eine Kooperation mit dem Gaststubentheater Gößnitz diese Problemstellung in den Fokus rückte. Die Trostlosigkeit vom Rückbau in der Obersteiermark hat das TiB in Frojach thematisiert ("Friedhof der Eigenheime").

Nun ist das TiB mit "Black Moonshine" ins Zentrum der postindustriellen Abwanderung vorgedrungen: nach Vordernberg, wo die Erosion des einstigen Reichtums schon vor Jahrzehnten begonnen hat. Das Auftragswerk für den steirischen herbst war zunächst in den Barbarasälen in Vordernberg zu sehen, jetzt kommt es auch nach Graz. Das TiB wirft in "Black Moonshine" Bilder des neuen Anhaltelagers und einer trockenen Tankstelle auf die Großbildleinwand. Rund um diese Fremdkörper aus der Gegenwart im historischen Ensemble des Orts baut man eine kleine Geschichte aus Geschichten, die die Landflucht assoziativ mit der weltweiten Migration verknüpfen. Eine theatrale Schablone, unter der - vielleicht zu selten - die große Story erkennbar wird, die hier zu erzählen wäre.

TTZ, Graz, Mi, Do 20.00


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