"Ihr könnt uns alle anquatschen!"

Das deutsch-schweizerische Songwriter-Pop-Duo Boy stellt in der Arena sein zweites Album vor

Lexikon | Interview: Gerhard Stöger | aus FALTER 44/15 vom 28.10.2015


Foto: Debora Mittelstaedt

Foto: Debora Mittelstaedt

Valeska Steiner und Sonja Glass sitzen im Hotel Altstadt Wien in der Bösendorfer-Suite. Der Interviewtag war lang, trotzdem sind die zwei Musikerinnen aufmerksam und von entspannter Freundlichkeit. Boy, wie sich das Duo nennt, haben auch keinen Grund, schlecht drauf zu sein: Ihr Debüt „Mutual Friends“ geriet vor vier Jahren zum Überraschungserfolg und eroberte sogar die japanischen Charts, der Nachfolger „We Were Here“ läuft ebenfalls gut – das Konzert in der Arena ist bereits seit Wochen ausverkauft.

Falter: Sie haben sich beim Popkurs der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg kennengelernt. Nach „Sex, Drugs & Rock ’n’ Roll“ klingt das aber nicht gerade!

Sonja Glass: Das stimmt. Aber es ist auch keine richtige Ausbildung, sondern ein sechswöchiger Kurs, wo sich junge Musiker treffen und während der Semesterferien Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt bekommen. Man geht natürlich auch sehr viel aus in dieser Zeit, ein bisschen Rock ’n’ Roll findet also durchaus statt.

Valeska Steiner: Dieser Popkurs ist einfach eine Kontaktbörse, wo sich viele deutsche Bands gefunden haben. Die bekannteste ist Wir sind Helden.

Sie verbringen viel Zeit im Studio. Was braucht ein Song, damit Sie wirklich zufrieden sind?

Steiner: Wichtig ist die gemeinsame Grundidee, über die wir auch viel sprechen. Es kann allerdings dauern, bis der Song dieser Idee entspricht.

Glass: Bei „New York“ wussten wir zum Beispiel: Der Song an sich ist gut, aber das Gewand stimmt nicht. Das ist, wie wenn du einen roten Pulli anhast und dir dann denkst: Nein, das ist es heute nicht. Heute ist blau! Erst die dritte Version des Liedes hat endlich unserem ursprünglichen Gefühl entsprochen.

Was hat es mit New York auf sich?

Steiner: Es geht im Lied gar nicht um New York, sondern um Zuhause. Entstanden ist es in einer Zeit, in der wir beide ein bisschen schreibblockiert waren und uns deshalb gegenseitig die Ohren vollgeheult haben. Plötzlich gab es die Idee wegzufahren, um neue Inspiration zu finden. Und wohin? Nach New York natürlich, dem Inbegriff der Inspiration! Einen Moment lang haben wir es wirklich ernst gemeint und schon Flüge herausgesucht, aber dann sind wir draufgekommen, dass es ja nicht um den Ort, sondern um uns geht – und dass wir eigentlich auch daheim mit offenen Augen durch die Stadt laufen und alles aufsaugen können. Dann haben wir beschlossen, eine Woche lang so zu tun, als ob Hamburg New York wäre.

Und das hat funktioniert?

Steiner: Gleich am ersten Abend waren in einem kleinen Club beim Konzert eines jungen Songwriters aus Hessen, aber uns kam es vor, als wären wir in Brooklyn und würden Bob Dylan hören. „New York“ hat sich dann fast wie von selbst geschrieben.

„We walked this streets like kings“ singen Sie im Titelstück des neuen Albums. Schlüpfen Sie da bewusst in die männliche Rolle des Königs?

Steiner: Das hat meine Mutter auch schon gefragt.

Glass: Es gibt im Deutschen halt diesen Spruch „Ich fühl mich heute wie ein König“, den ich eher geschlechtsneutral verstehe. Würde man im Englischen „like a queen“ sagen, hätte man wohl gleich ein falsches Bild vor sich. Etwa jenes einer Soulqueen.

Steiner: Leider ist der König auch immer noch mächtiger als die Königin.

Glass: Obwohl die Königin beim Schach viel mehr kann als der König!

Steiner: Es ist aber kein bewusstes Statement, dass wir die Straße wie Könige runterlaufen.

Die Berliner Musikerin Christiane Rösinger hat einmal beklagt, sie hätte nie echte Groupies gehabt. Haben Sie welche?

Glass: Mir fällt dazu die Geschichte der Sängerin der Cardigans ein, Nina Persson. Die hat in einem Interview erzählt, wie gemein sie es immer fand, dass die Männer ihrer Band stets Groupies haben, während sich niemand je traut, sie anzuquatschen. Wir haben tatsächlich auch nicht so viele Groupies.

Steiner: Nicht so viele? Keine, würde ich sagen!

Glass: Quatscht mich dann doch mal einer an, denke ich: „Oh nee, nicht ausgerechnet du!“ Wobei ich gar nicht weiß, ob ich das öffentlich sagen darf, denn ich will ja niemanden abschrecken. Also bitte: Ihr könnt uns alle anquatschen!

Steiner: Käme es zu einer Groupie-Situationen, wäre wahrscheinlich die totale Überforderung am Start. Leider können wir noch nicht so viel darüber berichten. Oder zum Glück, wer weiß.

Jungs fangen angeblich oft mit dem Gitarrenspielen an, um sich für Mädels interessanter zu machen.

Glass: Das ist zwar ein Klischee, aber ich kenne tatsächlich Musiker, bei denen es so war. Eigentlich eine super Idee also. Aber bei uns war es anders. Zum Glück, denn die Groupies kommen ja noch immer nicht. Wäre das der Antrieb gewesen, wären wir heute also stark enttäuscht.

Arena Wien, Mo 20.00 und p.p.c. Graz, Di 20.00


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