Kunst Kritik

Kurator Zufall: Der Anti-Kanon im Museum

Lexikon | MD | aus FALTER 45/15 vom 04.11.2015

Jahrzehntelang war das Museum of Modern Art das Modell für Institutionen neuer Kunst. Der 1929 in New York eröffnete Kunsttempel erzählt eine lineare Geschichte der Ismen, vom Impressionismus bis zu den Neo-Avantgarden der 1960er-Jahre. Was aber mit Sammlungen tun, die sich dem Kanon nicht so einfach fügen? Zwei Ausstellungen gehen kreativ mit Unübersichtlichkeit um.

Die 21er-Haus-Kuratoren Severin Dünser und Luisa Ziaja versuchen erst gar nicht, nach Kategorien für die Sammlung des Stammhauses Belvedere zu suchen. Belvedere-Direktorin Agnes Husslein-Arco erwarb seit 2007 über 1500 Werke, oft auch in Form von Schenkungen. So entstand eine wilde Mischung aus konzeptueller Kunst und Malerei, big names wie Erwin Wurm und Außenseitern wie Rudolf Polanszky. "Flirting with Strangers" macht aus der Not eine Tugend. Kurator Zufall lässt reizvoll disparate Medien und Kontexte kollidieren. So trifft Birgit Jürgenssens ironische Montage aus Frauenfuß und Stöckel auf den "Bauernschuster" eines akademischen Malers des 19. Jahrhunderts. Polanskys mit dem Hintern gemalte Bilder hängen neben den an die Wand montierten Sesseln von Thomas Locher.

Auch das Mumok stellt eine Etage für ein Experiment zur Verfügung. Die Künstlerin Ulrike Müller und die Mumok-Kuratorin Manuela Ammer suchten im Depot nach ungewöhnlichen Themen. Die Leinwand ist in "Always, Always, Others" nicht nur Malerei, sondern auch Material für Kleider und Accessoires. So produzierte Miriam Schapiro in den 1970er-Jahren eine Serie von Fächern, um die als weiblich konnotierte Textilkunst aufzuwerten. "Folklorismen" behandelt ein weiteres von der Kunstgeschichte übersehenes Thema. Béla Kádár malte Motive seiner Heimat Ungarn im Stil des Kubismus. Eine gelungene Revision.

Mumok, bis 16.5.; 21er Haus, bis 31.1.


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