Die Ramenhandlung

Drei Russen machen die beste japanische Nudelsuppe Wiens

Stadtleben | LOKALKRITIK: FLORIAN HOLZER | aus FALTER 45/15 vom 04.11.2015


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Es gibt nicht wenige Leute, die sind völlig verrückt nach japanischen Fertignudelsuppen, nachgerade abhängig. Woran das liegen mag, ist schwer zu ergründen, sicher nicht am großartigen Film „Tampopo“. Weil einem der ja nicht unbedingt Lust auf Fertigsuppe macht, sondern die hohe Kunst der Einfachheit preist. Andererseits waren gute Ramen in Wien bisher kaum zu bekommen, vielleicht wurde das Suppenpulver mit den Trockennudeln somit zur Ersatzdroge. Wer weiß.

Das dürfte jetzt jedenfalls vorbei sein, was nicht zuletzt an den drei Freunden Daniil Sleptsov, Boris Strelnikov und Igor Kuznetsov liegt, drei Russen, die einander in Wien kennen lernten und irgendwann auf irgendeinem Flughafen drei Stunden Wartezeit hatten, in denen der gelernte Dolmetsch Igor Kuznetsov gestand, dass er die japanische Küche großartig findet und dass es Zeit sei, in Wien ein Ramen-Lokal aufzumachen.

Machten sie also, und zwar im ehemaligen Morrisson-Club an der Rechten Wienzeile, einem Plätzchen, das mit Aming Dim Sum Profi, dem fantastischen Asia-Shop Shao Yong und Xie Hongs Chinabar an der Wien ja schon irgendwie ein gutes Pflaster für die etwas hippere Asia-Kulinarik sein dürfte.

Drei Monate bauten sie um, holten Lampions, Bambusrohre, japanische Filmplakate und vor allem eine japanische Nudelmaschine, die zwar nicht so aussieht, aber 700 Kilo wiegt. Igor Kuznetsov machte ein Ramen-Praktikum in Japan, besuchte Ramen-Schulen und aß in den Ramen-Lokalen, bei denen sich die meisten Menschen anstellten.

Ein so lustiges, entspanntes, alltäglich-japanisches Lokal wie das Karma Ramen gab es jedenfalls schon lange nicht mehr, sicher nicht seit dem Mochi, vielleicht sogar seit dem Haizaki-san no omise in der Schleifmühlgasse nicht, und das ist immerhin 15 Jahre her. Was man hier natürlich essen muss und soll, ist Ramen. Die ist großartig, „Karma Dragon“ etwa, eine Kreation von Igor, basiert auf einer Hühnersuppen-Dashi-Mischung mit gehacktem, gebratenem Huhn (viel Haut, quasi Hühnergrammeln), Lauch, etwas Yuzu für die Frische und etwas Chiliöl für das Temperament
(€ 9,90). Danach ist man satt. Und Ramen nach europäischen Tischmanieren zu essen, geht übrigens nicht – Schlürfen und Aus-der-Schale-Trinken sind obligatorisch.

Wer gerade keine Lust auf Ramen hat, bekommt auch ein paar „trockene“ Nudelgerichte beziehungsweise ein paar großartige Beispiele der japanischen Izakaya-Küche, wirklich arg gute Gyoza mit Schweinefleischfüllung etwa (€ 4,50) oder in Dashi gebeizte Rindszunge mit Wasabi-Stängeln – ebenso großartig wie schwer, mit Stäbchen zu essen (€ 6,10). Ein paar Designer-Cocktails werden auch gemixt, keineswegs entgehen lassen darf man sich aber die Hitachino-Nest-Biere der japanischen Sake-Brauerei Kiuchi. Sushi gibt’s hier übrigens nicht.

Resümee:

Aus einem winzigen, schrägen Club wurde ein winziges, eher großartiges als schräges Lokal mit japanischer Alltagsküche.

Karma Ramen
5., Rechte Wienzeile 2A
Tel. 0680/321 68 38
Di–Sa 11.30–14.30, 18–23 Uhr
www.karmaramen.at


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