Ins Mark Der Kommentar zur steirischen Woche

Was eine Zeitung sich leisten kann

Steiermark | Gerlinde Pölsler | aus FALTER 45/15 vom 04.11.2015

Dass der Presserat genug zu tun hat, dafür sorgt in bewährter Weise die Kronen Zeitung. 53 Beschwerden gingen gegen den Kommentar des Steirerkrone-Chefredakteurs Christoph Biró ein. Darin wimmelte es vor "jungen, testosterongesteuerten Syrern, die sich äußerst aggressive sexuelle Übergriffe leisten", vor plündernden "Horden" von Flüchtlingen und vor Männern, die in Quartieren ihr Geschäft absichtlich daneben verrichteten und dann Frauen aufforderten: "Mach's weg, dazu bist du ja da."

Ein Tiefpunkt, auch für Krone-Verhältnisse. Die Polizei dementiert sämtliche der ständig neu auffl ammenden Behauptungen. SOS Mitmensch brachte eine Sachverhaltsdarstellung bei der Staatsanwaltschaft ein.

Überraschend kam die Ankündigung des Blattes, Biró werde sich "aus eigenen Stücken einige Zeit aus der Redaktion zurückziehen". So freiwillig war dies laut APA zwar nicht, Biró gestand jedenfalls öffentlich ein, er habe "das Augenmaß verloren". Es regnete Respektsbekundungen, dann folgte Tohuwabohu: Laut Kleiner Zeitung soll Biró noch im November in die Redaktion zurückkehren, wovon der laut seiner Frau aber nichts weiß.

Ob Biró also bloß in Urlaub weilt oder gar seinen Chefposten verliert - derzeit ist alles offen. Nach der Logik des heimischen Mediensystems passiert eher nichts. Stimmungsmache gegen Migranten oder andere Verfehlungen zeitigen auch sonst kaum Nachteile. Im Gegenteil. Jene drei Zeitungen, für die der Presserat neunzig Prozent aller Verstöße gegen den Ehrenkodex ausspricht, sind Krone, Österreich und Heute. Dieselben, die auch die meisten, nämlich millionenschwere, Inserate der Regierung einsacken.


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