Fragen Sie Frau Andrea

Simmeringer Wasserleitung

Kolumnen | Andrea Maria Dusl | aus FALTER 45/15 vom 04.11.2015

Liebe Frau Andrea, neulich ist mir wieder die Redewendung "Deine Uhr geht nach der Simmeringer Wasserleitung" eingefallen. Nun gehen in Simmering nach der Wahl die Uhren tatsächlich etwas anders, aber der Spruch ist doch schon viel älter. Woher kommt er? Können Sie mir weiterhelfen? Liebe Grüße, Siegi Lindenmayr, Alsergrund

Lieber Siegi,

so einfach der Anwendungsbereich des Spruchs ist, so komplex ist die Fundlage zu seiner Herkunft. Es gibt zwar Wasserleitungen in Simmering, jedoch keine "Simmeringer Wasserleitung". Zwar kannte schon das römische Wien komplizierte Wasserleitungen, bis ins beginnende 16. Jahrhundert versorgte sich Wien aber ausschließlich aus Hausbrunnen, die nach Überschwemmungen regelmäßig verseucht waren oder unmittelbar neben den jeweiligen Senkgruben lagen. Die Wasserqualität war in der Regel gesundheitsgefährdend. Mit dem Bau der ersten modernen Wasserleitung, der Hernalser, wurde 1526 begonnen, 1553 folgte die Siebenbrunner Hofwasserleitung. Spätere Wasserleitungen waren die Schottenfelder, die Schönborn'sche, die Albertinische, die Mariahilfer, die Dietrich'sche, drei Liechtenstein'sche (mit Quellen in Hernals, Währing und Döbling) und die Woeber'sche Wasserleitung (ihre Quellen lagen an der Ottakringer und an der Hernalser Hauptstraße).

Das rapide Wachstum der Stadt dürstete nach mehr und besserem Wasser. 1870 wurde die Erste Wiener Hochquellwasserleitung (mit Wasser von Rax und Schneeberg) inauguriert. Die zweite Hochquellenleitung (aus dem steirischen Hochschwabgebiet) ging 1910 an die Hähne. Wo aber ist unsere Simmeringer Wasserleitung? Es gibt keine. Dass damit die Wasserleitungen aus Kaiserebersdorf und Schwechat gemeint sind, die ein Hans Gasteiger 1568 bis 1575 baute, um die Gärten des Schloss Neugebäude zu bewässern, ist unwahrscheinlich. Ein guter Kandidat für die Simmeringer Wasserleitung ist indes das Wasserwerk Moosbrunn, südlich von Favoriten und Simmering gelegen, und als III. Wiener Wasserleitung bekannt. Es sichert die Wasserversorgung der Stadt Wien in Zeiten höheren Wasserbedarfs und während der Wartung der Hochquellenleitungen. Das ist alle heiligen Zeiten einmal. Die Uhr kann man danach nicht stellen.


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