Selbstversuch

Hat sich wohl Wilhelm Busch ausgedacht

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 45/15 vom 04.11.2015

Typisches Waldviertler Allerheiligen-Wochenende: Würstel grillen, in der Sonne herumlümmeln, an der warmen Hauswand Spritzer trinken, never ending Summer. Na gut, never ist vielleicht übertrieben: Der Sommer dauert bis 16.36 Uhr, wenn die Sonne hinter dem Nachbarhaus vom Himmel fällt und es schlagartig so winterkalt ist, dass man gerne und zügig nach drinnen, vor das Ofenfeuer, wechselt.

Halloween war auch. Die Teenager schminkten sich aufwendig, als Horrorpuppen, Blutlächler und als Zombie-Hitler. Äh, darf man das eigentlich? Die Erwachsenen wussten es irgendwie nicht, was aber insofern egal war, als wir von den Teenagern eh nicht gefragt wurden, was jetzt immer häufiger vorkommt, unter anderem, weil sie die Antworten schon kennen oder glauben, sie zu kennen, unter anderem infolge von Power-Radio-Werbung zum "Er ist wieder da"-Film. Hitler-Witze? Offenbar jetzt okay. Wären wir gefragt worden, hätten wir allerdings ohnehin nicht mehr antworten können, weil wir mit Kürbissuppe, geschmortem Biber, Bohnengulasch, frittiertem Truthahn, Süßkartoffel-und Kürbis-Rote-Rüben-Aufläufen, Mohnkuchen, Schokomousse und Wein so bis zur Unterlippe angefüllt waren, dass ein ernsthaftes Sprechen undenkbar war. Was es fürderhin ebenso unmöglich machte, die Frage zu beantworten, ob man denn Biber überhaupt essen dürfe. Er schmeckte vorzüglich, und auch die Teenager hauten tüchtig rein. Ganz im Stillen stellte sich wahrscheinlich aber jeder dann noch die Frage, ob man so schöne, radikal verfressene Abende in so schönen, warmen und sanft beleuchteten Räumen haben darf, ob man das eigene schöne Leben so ausgelassen feiern darf, wenn es gleich nebenan für andere so schwer ist.

Allerdings rührt unser schlechtes Gewissen ja weniger daher, dass wir nichts tun, sondern dass unser Staat, für dessen Erhalt wir alle ganz schön tüchtig Steuern zahlen, viel zu wenig tut. Und in einer Weise zögerlich, dass man wahnsinnig werden möchte. Bitte, ich möchte, dass mit meinem Steuergeld nicht nur Autobahnen gebaut und das Bildungssystem nicht reformiert und Antisemiten wie Susanne Winter ein prächtiges Parlamentariergehalt ermöglicht werden. Aber Österreich hofft irgendwie immer noch, die Flüchtlinge würden umdrehen, wenn man sie lange genug ignoriert.

Sie würden Österreich nicht bemerken und umgehen, wenn Österreich sich nur tot stellt. Wie ein Kleinkind, das glaubt, man sähe es nicht, wenn es sich selbst die Augen zuhält, und genauso trotzig. Wie etwas, das Wilhelm Busch sich ausgedacht hat. Nein, ich will diese Flüchtlinge nicht, diese Flüchtlinge will ich nicht! Sollen sich doch andere darum kümmern!

Ja, das tun wir eh. Aber jetzt reicht's dann einmal. Die Österreicherinnen und Österreicher machen das jetzt privat schon seit Monaten, in ihrer Freizeit, mit ihrem eigenen Geld, zu Tausenden, unbezahlt und unbedankt, und sie können nicht mehr. Du bist jetzt dran, offizielles Österreich: du.


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