Neue Bücher

Flüchtlinge und ein altes Haus

Feuilleton | aus FALTER 45/15 vom 04.11.2015

Jenny Erpenbeck: Gehen, ging, gegangen. Knaus, 352 S., € 20,60

Mit ihrem jüngsten Roman schaffte es die deutsche Schriftstellerin Jenny Erpenbeck auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis. "Gehen, ging, gegangen" liest sich als hochaktuelles Buch zur Flüchtlingsthematik. Die Handlung führt auf den Berliner Oranienplatz, wo von Oktober 2012 bis April 2014 eine Gruppe afrikanischer Flüchtlinge gegen den Umgang mit Asylwerbern protestierte. Letztlich erfolglos, wie man heute weiß.

Interessant ist die Perspektive des Romans. Betrachtet werden die Flüchtlinge mit den Augen von Richard, einem gerade emeritierten Universitätsprofessor und einsamen älteren Mann, der nicht mehr viel vom Leben erwartet und auch nicht viel mit sich anzufangen weiß. Richard, der sich selbst ein wenig fremd geworden ist, lernt die Fremden kennen -und beschließt zu handeln. Sprachlich manchmal etwas hoppertatschig, ist "Gehen, ging, gegangen" aber durchaus eine lohnende Lektüre. SF

Bea Dieker: Vaterhaus. Jung und Jung, 112 S., € 16,90

Das Wirtschaftswunder ließ nicht nur die Nachkriegskörper zu dick für die filigranen Möbel werden, sondern auch die Häuser wuchern. Metastasierend wächst in Bea Diekers Roman das Elternhaus, weil der Wohlstand durch sinnlose Anschaffungen ausgestellt gehört. Die erinnerte Führung durch die kleinbürgerliche Innenarchitektur zeigt Abgründe. Die cholerische Gewalt des Vaters, die Schwäche der Mutter, das Eingesperrtwerden in der Besenkammer. Ähnlich wichtig wie das Haus ist nur das Auto: Wie ein treuer Hund verreckt der BMW Tage nach dem Tod seines Besitzers.

Diekers ich-arme Sätze sind kurz, oft nur ein Wort lang, um die verstümmelte Sprache zu spiegeln. Der Großvater schreibt unter seine Nazi-Fotos: "unsere STUKAS leisten ganze Arbeit Zigeuner. Charkov." Der Vater, der "Explosionsautomat", brüllt in Halbsätzen Ruhe herbei. Quantitativ ist "Vaterhaus" kaum ein Roman. Qualitativ sehr wohl. DM


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