Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Emigrieren!

Falter & Meinung | AT | aus FALTER 45/15 vom 04.11.2015

Mit einer Satire lotete der Falter die Empfindlichkeitsgrenzen österreichischer Kulturschaffender aus. Man muss hier vorsichtig formulieren, denn inzwischen leben wir in Zeiten, da Intoleranz gegenüber Satire nicht mit Gekränktheit, sondern mit Gewalt reagiert.

Die Stimmung im Land war aufgeregt und durch die hetzerische Wahlkampagne Jörg Haiders geprägt. Verlöre die SPÖ die Wahl, hätte der Koalitionsbrecher Wolfgang Schüssel seine blau-schwarze Koalition. Mehrere Künstler und Intellektuelle kündigten an, in diesem Fall auszuwandern. Der Falter legte ihnen in einer deutlich als Satire gekennzeichneten Kulturaufmachergeschichte "Freunde, kommt bald wieder!" Destinationen nahe, wo es ihnen besser gehen könnte.

Was als liebevolle Ironisierung gedacht war, wurde uns als Verhöhnung der Intelligenz, geradezu als haidereske Hetze ausgelegt. So stand es geschrieben: "Wer jetzt kein Ticket hat, kriegt keines mehr. Wer jetzt im Land bleibt, wird es lange bleiben. Alle wissen: Ein Visum macht glücklich, wenn man rechtzeitig darauf schaut, dass man's hat, wenn man's braucht.

Manche sind schon weg und schicken Post in die alte Heimat, andere zögern noch, und Österreich zittert mit. Tun sie's, tun sie's nicht? Wenn ja, dann wie? Wann? Wohin? Wer alles? Der Falter kann diese Entscheidungsqualen nicht mehr länger mitansehen: Wir helfen, wo andere nicht mehr können. Exklusiv: die besten Exil-Ziele, die billigsten One-Way-Tickets und die sichersten Fluchtrouten. So sind wir - Service is our success."

Spät Entschlossenen wurde das damalige Falter-Stammlokal Lapinski als Basislager angegeben, wo sich in der Wahlnacht die Flüchtenden versammeln sollten ("Lassen Sie das 'Seitenblicke'-Team ruhig filmen, die Leute sind ihnen freundlich gesinnt"), um dann im Schutz der Dunkelheit in Zillen auf dem Donaukanal donauabwärts gebracht zu werden, zum Biwak in den Donauauen. "Nicht vergessen: mitschreiben, Verleger anrufen und vor allem News informieren -wo immer Sie sind."


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