Verchromtes Leben

Das Auto ist für sie kein Transportmittel mehr, sondern eine Liebe, die es zu pflegen, zu zeigen und zu kultivieren gilt. Ein Zwischenstopp bei den schnellen Jungs von Wien


TYPENBESCHREIBUNG: LUKAS MATZINGER
Stadtleben | aus FALTER 45/15 vom 04.11.2015


Foto: Christopher Mavric

Foto: Christopher Mavric

Wie sie zärtlich das Shampoo auftragen, jeden Winkel jeder Felge bürsten, in kleinen Kreisen allen Lack polieren, jeden Zentimeter Stoff absaugen, und bedächtig dem Knarzen des Leders, dem Klicken der Verriegelung und dem Schnurren der 16 Ventile lauschen – man könnte es für Liebe halten.

Gegen alle Widerstände von Öko bis Öffi sind die Autofreunde und Wagenpfleger Wiens zu einer veritablen Szene angewachsen. Jeden Samstag, jeden Sonntag, und eigentlich auch an jedem anderen Tag treffen sie einander bei den Tankstellen der Stadt, um zu putzen, zu saugen, zu shampoonieren. Und um zu zeigen, was man hat. Der Fetisch Auto ist für sie zur Obsession geworden. Das Automobil ist hier kein Transportmittel und nicht einmal mehr die liebste Beförderungsmaschine des mündigen Menschen. Es ist carbongewordene Lebenshoffnung. Die Projektionsfläche für alles Schöne, der man gerne hunderte Arbeits-, Putz- und Pflegestunden schenkt. Vor allem, wenn die Sonne scheint. Wie an diesem Wochenende.

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