Tiere

Zaunkönige

Falters Zoo | aus FALTER 45/15 vom 04.11.2015


Kugeln in unseren Köpfen“ ist der Titel eines der Bücher des deutschen Kolumnisten Max Goldt. Er echauffierte sich anfangs der 1990er-Jahre in einem namensgebenden Essay über die architektonische Verunzierung der Innenstädte mit großen Betonkugeln. Diese stelle man damals gerne und großräumig auf, um die heuschreckenartige Belagerung historischer Plätze durch parkende Autos einzudämmen. Goldene Zeiten, als dies noch ernsthafte und zu kommentierende Probleme der Gesellschaft waren. Jetzt müsste es wohl eher „Zäune in unseren Köpfen“ heißen. Der Mauerbau hingegen ist offenbar seit 1989 etwas aus der Mode gekommen und nicht mehr erster Wunsch beim Errichten technischer Sicherheitsmaßnahmen.

In den Namen unserer Tierwelt spiegelt sich aber noch immer die Bedeutung solcher Landschaftselemente wider. Mauern bieten dabei bessere Strukturen für die Besiedlung: Wir kennen Mauersegler, Mauerasseln, Mauerbienen, Mauereidechsen, Mauerfüchse (eine Tagfalterart), Mauergeckos und Mauerläufer. Der Zaun hingegen wird – um es mit Christian Morgenstern zu sagen – „mit Zwischenraum, hindurchzuschaun“ gebaut. Diese luftgefüllten Löcher schätzen eigentlich nur drei heimische Arten: Zauneidechse, Zaungrasmücke (ein Singvogel) und der Zaunkönig. Letzterer war früher allerorts gegenwärtig und gefiel den Menschen wegen seines für seine Körpergröße unverhältnismäßig lauten Gesangs. Dieser kann bis zu 90 Dezibel erreichen und ist auf eine Distanz von bis zu einem halben Kilometer zu hören. Eine gewisse „street smartness“ hat ihm bereits der griechische Dichter Äsop in einer Fabel zugeschrieben: Die Frage, wer König aller Vögel sei, sollte durch den Wettkampf, wer am höchsten fliegen könne, entschieden werden. Der kleine Zaunkönig versteckte sich im Rückengefieder des Adlers, sprang am höchsten Flugpunkt von dort aus noch etwas weiter in die Höhe und rief: „König bin ich!“ Schlau, aber eben nicht beliebt.

Im 20. Jahrhundert konnte man die typischen Rufe, ein hartes „Tek-Tek“ und das erregte „Dzrr-Dzrr“ immer seltener hören. Jetzt aber melden sich die Zaunkönige in Europa wieder. Zur Erinnerung, wie das Morgenstern’sche Gedicht endete: „Der Zaun indessen stand ganz dumm / mit Latten ohne was herum / Ein Anblick grässlich und gemein / Drum zog ihn der Senat auch ein / Der Architekt jedoch entfloh / nach Afri- od- Ameriko“.


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