Doku des Jahres: "The Look of Silence" von Joshua Oppenheimer

Feuilleton | SEHTEST: MICHAEL OMASTA | aus FALTER 45/15 vom 04.11.2015

Wäre das ein Hollywoodfilm, fände man die Symbolik ein bisschen sehr dick aufgetragen. Adi Rukun, der zentrale Protagonist dieses Dokumentarfilms, ist Optiker. Es ist sein Beruf, das Sehvermögen der Leute zu verbessern. Nicht wenige Indonesier allerdings haben auch eine befremdliche Sicht auf ihre Vergangenheit. Noch heute, 50 Jahre nach dem Putsch in Indonesien durch General Suharto und der Ermordung von rund einer Million angeblicher Kommunisten, prahlen die Täter frech mit ihren damaligen Verbrechen.

Die neue Arbeit des US-Dokumentaristen Joshua Oppenheimer heißt "The Look of Silence" und ist quasi ein Komplementärfilm zu seiner umstrittenen Doku "The Act of Killing" von 2012. Produzierten sich die Mörder dort nach Lust und Laune vor der Kamera, schlägt sich der neue Film nun ganz entschieden auf die Seite der Opfer und ihrer Angehörigen. Adi ist Mitte 40, hat die Gräuel selbst also nicht miterlebt und dennoch ein sehr persönliches Motiv an deren Aufklärung: Ramli, sein großer Bruder, war 1965 bestialisch ermordet worden.

Adi beeindruckt mehr als alle Actionhelden in diesem Kinojahr zusammen. Er sucht die einstigen Mörder und ihre Familien auf und versucht, das immer noch vorherrschende Schweigen über den Genozid zu brechen. Manche darunter sind Kunden, denen er eine neue Brille anpasst. Manch andere reden ganz von allein, so zwei Männer, die Adi und das Filmteam an das Ufer eines Flusses führen und dann abwechselnd demonstrieren, wie sie der Armee halfen, an dieser Böschung über 10.000 Menschen umzubringen. Unter ihnen auch Ramli.

An jenem Nachmittag am Flussufer, erzählte Regisseur Oppenheimer in einem Gespräch mit der taz, hätte er das scheußliche Gefühl gehabt, als sei er "40 Jahre nach dem Holocaust nach Deutschland gekommen und die Nazis wären noch an der Macht". Ein surreales Szenario - und ein Film, der uns alle angeht.

Ab 6.11. im Gartenbau (OmU). Publikumsgespräch via Skype mit Joshua Oppenheimer am 11.11. im Anschluss an die 20-Uhr-Vorstellung


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