Buch der Stunde

Die zermürbende Wirkung der Kränkung

Feuilleton | Kirstin Breitenfellner | aus FALTER 46/15 vom 11.11.2015

Jeder kränkt und wird gekränkt. Glaubt man Reinhard Haller, stellen Kränkungen die Hauptursache für Konflikte, ja die "Wurzel der meisten menschlichen Übel" dar, und das nicht nur auf sozialer und psychischer Ebene, sondern auch auf somatischer.

Trotzdem, beklagt Haller, werden sie in Medizin und Justiz weitgehend ignoriert, um nicht zu sagen tabuisiert. Das liege auch daran, dass Kränkungen oft nicht bewusst ablaufen und im Verborgenen wirken. In einer Gesellschaft, in der körperliche Gewalt abnimmt, Anspruchshaltung, hypersensible Charaktere und Narzissmus hingegen zunehmen, kommt Kränkungen eine immer größere Bedeutung zu, auch wenn sie unter den Paradigmen der Funktionstüchtigkeit, Durchorganisiertheit und Coolness ungern zugegeben werden.

Kränkungen kann man nicht messen, sie werden selektiv wahrgenommen und unterschiedlich verarbeitet. Aber weil man sich, wie aus der Reflexivität des Sichkränkens hervorgeht, ja eigentlich selbst kränkt, kann man lernen, mit kränkenden Botschaften anders umzugehen.

Kränkungen wird es immer geben, denn das Bedürfnis nach Anerkennung ist in der Regel größer als das, diese selbst zu zollen. Dennoch mutet es ein wenig überzogen an, das ganze Leben, von Geburt bis zum Tod, als eine einzige Kränkung darzustellen. Der als Gutachter von Jack Unterweger, Franz Fuchs oder NS-Euthanasie-Arzt Heinrich Gross sowie als TV-Kommentator bekannt gewordene Psychiater und psychiatrische Gerichtsgutachter Haller hat sich in "Die Macht der Kränkung" die Aufgabe gestellt, ein "Kränkungsbewusstsein" zu schaffen.

Seine Ausführungen über das Sissi-Syndrom, Ehrenmord und Eifersucht, die "Kränkungskämpfe" in Ehen, die "tiefste Kränkung" der Demütigung und die chronische Gekränktheit der Verbitterung, Amok und Terror sowie über das Schweigen als Kränkung und Gekränktsein gehören zu den Highlights dieses nicht immer gleich dichten, aber dennoch wichtigen Buches über eine der gefährlichsten Gefühlslagen der Menschheit.


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