Der Zug zur Mitte

Das Freiraum-Imperium hat jetzt ein Hipsterlokal. Mit derweil noch einem Stock

Stadtleben | Lokalkritik: Florian Holzer | aus FALTER 46/15 vom 11.11.2015


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Man muss und musste nicht alles super finden, was die Freiraum-Macher im Lauf ihrer Gastronomiekarriere machten. Ihre Lokale Mango’s und Loungeria im Millennium Tower und den Twin Towers am Wienerberg etwa, typische Mega-Kino-Gastronomie, dann das Rochus, der Inbegriff an kulinarischem Mainstream, beim Freiraum auf der Mariahilfer Straße war neben ein bisschen Gigantomanie dann schon der Wille zur Qualität feststellbar. Und mit dem Freiraum Deli sowie dem Stadtcafé wurden voriges Jahr dann Konzepte vorgelegt, die wirklich Spaß machen – Nachhaltigkeit und kulinarisches Entertainment hier, hippe und unkomplizierte City-Gastronomie auf hohem Niveau da.

Vor allem aber war zu beobachten, dass die Freiraum-Lokale von der Peripherie in Richtung City strebten. Und mit der Location, die im Juni übernommen wurde, ist man dem Stephansdom jetzt schon wirklich sehr nahe: Hochhaus in der Herrengasse.

Umso überraschender, was die Erfolgsgastronomen da dann reinstellten, nämlich eine Bretterbude, ein Baustellen-Deli-Pop-Up. In dem vollverglasten Lokal, in dem davor wahrscheinlich irgendein altmodischer Pelzhändler oder Perlenketten-Kompetenzzentrum drin war, wurden gelbe Baustellenbretter verlegt, rohe Bretter an die Wand genagelt und lose Kisten verteilt. Man kann da jetzt noch bis Ende Dezember fair gehandelte Bio-T-Shirts kaufen, faire Wollmützen und Taschen, auf denen „fick mich“ steht und von deren Erlös zehn Euro an die Krebshilfe gehen.

Die Sessel, die sich rund um ein paar Tische reihen, sehen jeder anders aus, in der Vitrine warten Salate im Glas, in Kartonförmchen gebackene Kuchen, selbstgeröstete Nüsse sowie im Holzofen gebackene Pitas mit mehr oder weniger veganer Befüllung. Im Getränkekühlschrank steht kein Champagner, nein, nur hausgemachter Eistee und Limonaden aus Granderwasser.

Großartig, in der Zollergasse, in der Schönbrunner Straße oder rund um den Karmelitermarkt würde so etwas gar nicht auffallen, in der Herrengasse ist so ein Hipster’s Paradise allerdings ganz schön eine Ansage. Also zumindest bis Ende des Jahres, dann ist’s mit Pop-up vorbei und es wird drei Monate umgebaut. Zwei bis drei Stockwerke hinauf, hört man, interessant, schließlich wagte sich die Gastronomie im Hochhaus ja schon lange nicht übers Erdgeschoß hinaus. Mal sehen, ob sich das Freiraum Deli dann gezähmter, perlenkettenaffiner zeigt.

Was sicher auch dann noch Thema bleiben wird, ist der selbstgeröstete Kaffee. Wo die Freiraum-Leute den genau rösten, blieb bisher immer ein bisschen geheim, mal hieß es Wienerwald, nun heißt es Vösendorf. Die „La Marzocco“-Maschine ist jedenfalls schon erstklassig, ein bisschen Luft nach oben gibt’s aber noch, an Unger und Klein im Hochhaus kommt der Deli-Espresso noch nicht heran. Aber ist ja noch ein bisschen Zeit.

Resümee:

Das Baustellen-Vorab-Lokal des größten (oder zumindest höchsten) Lokals, das es im Wiener Hochhaus seit Langem gegeben hat.

Freiraum Deli-Pop-Up
1., Herreng. 6–8
Tel. 01/388 38 80
Mo–Fr 8–20, Sa 10–20, So 12–18 Uhr
www.freiraum-deli.at


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