"Ich bin Pop nichts schuldig"

Ex-Moloko-Sängerin Roísín Murphy kommt mit neuem Album ins Museumsquartier

Lexikon | INTERVIEW: SEBASTIAN FASTHUBER | aus FALTER 46/15 vom 11.11.2015


Foto: Mark Farrow

Foto: Mark Farrow

Ein Gespräch mit Roísín Murphy ist immer ein Vergnügen. Die irische Sängerin zählt zu den eigensinnigsten Köpfen der Popmusik. Sowohl ihre Antworten als auch ihre Musik sind erfrischend unvorhersehbar. Mit dem Kunstpop-Album „Hairless Toys“ meldete sich die einstige Moloko-Frontfrau heuer im Frühjahr aus der Karenz zurück, nun stellt sie es auch in Wien live vor.

Falter: Ihr letztes Album „Overpowered“ liegt acht Jahre zurück. Wo waren Sie so lange?

Roísín Murphy: Das ist wahrscheinlich die langweiligste Frage, die Sie mir stellen können. Mir kommt vor, jeder Journalist stellt sie. Na gut: Ich habe zwei Kinder bekommen und mich um meine Familie gekümmert. Und ich hatte weder eine vertragliche Verpflichtung noch große Lust, eine Platte zu machen. Ein paar Dance-Maxis habe ich allerdings schon rausgebracht, das ging schnell nebenbei.

Sich wirklich um seine Kinder zu kümmern und gleichzeitig eine Karriere als Musikerin zu verfolgen – ist das unvereinbar?

Murphy: Schwer zu sagen. Ich will nicht den Kindern die Schuld geben, dass Mami so lange kein Album gemacht hat. Die Jahre sind einfach sehr schnell vergangen. Es hat sich für mich nicht wie eine lange Abwesenheit angefühlt.

Die meisten Leute haben ein neues Disco-Album von Ihnen erwartet. „Hairless Toys“ ist das Gegenteil: sehr individuell, experimentell, kunstig.

Murphy: Erwartungshaltungen gehören zu den schrecklichsten Dingen, mit denen ich mich herumschlagen muss. Ich will mich nicht mit Burt Bacharach vergleichen, aber selbst wenn ich ein Album von der Genialität eines Burt Bacharach rausbringen würde, kämen Beschwerden, dass es keine Disco-Platte ist.

Kürzlich twitterten Sie: „Es gibt ansonsten gesunde Menschen, die glauben, ich sollte bei Dance-Pop bleiben. Sogar in meiner Familie!“

Murphy: Ja, mein Vater hat mich angenörgelt: „Warum hast du keine Disco-Platte gemacht?“ Die Welt ändert sich, Menschen verändern sich, aber Roísín soll weiterhin schön ihre Disco-Songs machen!

Sind Frauen im Pop immer noch auf gewisse Rollen limitiert?

Murphy: Ich denke schon, dass es etwas damit zu tun hat. Wir Frauen sollen höflich und dankbar sein für das, was wir bekommen. Männer haben mehr Freiheiten, dürfen auch stilistisch viel mehr ausprobieren und etwas riskieren. Wobei das natürlich extreme Generalisierungen sind. Ich hatte sowohl zu Beginn mit Moloko als auch solo eine großartige Karriere und bin sehr stolz auf das, was ich erreicht habe. Alleine, dass ich ein so mutiges Album wie „Hairless Toys“ veröffentlichen kann, ist ein Erfolg.

War Ihr Popalbum „Overpowered“ im Nachhinein betrachtet ein Unfall?

Murphy: Nein, überhaupt nicht. Ich habe extrem viel gelernt bei dieser Platte. Ich reiste viel, arbeitete mit den unterschiedlichsten Songwritern und Produzenten zusammen, lernte jeden Tag neue Leute kennen, geriet in ganz unterschiedliche Situationen. Und ich lernte, mich durchzusetzen und ein Boss zu sein.

Heute sind Sie Ihr eigener Chef?

Murphy: Sieht ganz so aus. Das liegt vielleicht aber auch nur daran, dass ich während der Aufnahmen zu „Hairless Toys“ keinen Plattenvertrag hatte und deshalb tun konnte, was ich wollte. Es war sehr angenehm, im Studio wie in einer Blase an den Songs zu arbeiten, ohne jemand zwischendurch etwas vorspielen und auf sein Hitpotenzial testen lassen zu müssen. Es gab nur mich und meinen musikalischen Partner Eddie Stevens. Eddie war der Live-Keyboarder von Moloko, wir verstehen uns mittlerweile blind.

Sie könnten heute vermutlich viel berühmter sein, aber dafür hätten Sie sich ein wenig verbiegen müssen.

Murphy: Möglich, aber so denke ich nicht. Ich habe für „Overpowered“ mit sehr berühmten Leuten gearbeitet, diese Stücke aber nicht verwendet, weil ich sie nicht für gut genug hielt. Bei solchen Entscheidungen geht es mir nicht darum, irgendjemanden vor den Kopf zu stoßen oder als besonders eigenwillig zu gelten. Mir geht es rein um die Musik.

Haben Sie das Gefühl, Sie müssen sich die interessante Popmusik, die Sie gern hören würden, selbst machen?

Murphy: Ich scheiße auf Popmusik, ich mache Musik! Was mir an Pop extrem auf die Nerven geht, ist diese Mentalität, die aus der Werbung übernommen wurde: Wenn etwas groß ist, muss es automatisch gut sein. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich mag auch ganz banale Popmusik. Aber ich bin Pop nichts schuldig.

Sie sind bekannt für extravagante Bühnenshows. Was darf man sich von Ihrem Wienauftritt erwarten?

Murphy: Schwer, das in einen Satz zu packen. Es ist keine Disney-Show, in der die Prinzessin sich beweisen muss und am Ende erwachsen wird. Es geht eher um eine Frau in ihren mittleren Jahren. Jetzt habe ich es doch in einem Satz geschafft.

Museumsquartier, Halle E, Fr 20.00


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