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Gefühle - von der Echtheitssehnsucht bis zur Dummheit

Feuilleton | AKR | aus FALTER 46/15 vom 11.11.2015

Alle suchen das Echte. Die einen stürzen sich ins Landleben, die anderen in eine Romanze. Verliebtheit und Gefühlsausbrüche, Fernreisen, Schauplätze von Fantasyfilmen, aber auch die semi-autistische Lebensweise computerfixierter Nerds begegnen uns auf der Suche nach dem Heiligen Gral der Authentizität.

Christian Saehrendt hat zusammengetragen, was Menschen tun, um der Entfremdung zu entkommen, um nur ja kein "Leben wie hinter Glas" zu führen. Skurril wird die Sache, wenn sie sich dafür eine Kunstwelt schaffen wie das chinesische "Yintelagen", einen Nachbau des schweizerischen Bergidylle-Zentrums Interlaken. In diesem Buch findet man eine witzige Sammlung menschlichen Verhaltens. Was man manchmal vermisst, ist ein roter Faden. Eines kann Saehrendt dank scharfer Beobachtung und feiner, niemals verachtender Ironie selbst zu seinem Sehnsuchtsthema beitragen: Das Lesevergnügen ist echt.

Dummheit ist hier meist lustig. Zumindest erscheint sie lächerlich. Von Gecken, Schelmen und Narren berichtet Werner van Treeck. Sokrates zitiert er zum tiefen Fall des Thales von Milet, der sterneguckend in den Brunnen fiel. Im Mittelalter haben es ihm die Hofnarren angetan. Von Kant zitiert er die erste brauchbare Definition der Dummheit als "Mangel an Urteilskraft ohne Witz". Auch Hegel und Schopenhauer lässt er die Sache systematisieren, Karl Marx zur Verdummung durch Entfremdung forschen.

Kapitel für Kapitel webt der Autor die Fäden des lustigen und wissenschaftlichen Denkens über das Dumme zu einer Kulturgeschichte - nicht der Dummheit, sondern der Narrheit. Die größte Dummheit - Schaden anzurichten, ohne nennenswerten Nutzen daraus zu ziehen - lässt er draußen. Dank witziger Anekdoten in journalistisch geübtem Stil erhält der Leser zumindest den Nutzen belustigender Unterhaltung.


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