Theater Kritik

Das Schicksal ist ein Flugzeug ohne Bremsen

Lexikon | aus FALTER 46/15 vom 11.11.2015

Drei Schauspieler spielen vier Menschen. Alle vier stehen vor einer großen Entscheidung, einer schicksalsverändernden Entscheidung. Da ist die ehemalige Diktatorin auf dem Balkon (Sophia Löffler) - unter ihr die Revolution -, die irgendwann entscheidet, dass geschossen werden soll. Da ist ein Mann (Steffen Link), der seine vollbepackten Einkaufstaschen nachhause tragen will und mitten in einer Demonstration landet. Da ist die Frau im Flugzeug (Vassilissa Reznikoff), die alles hinter sich gelassen hat und einen Neuanfang wagt. Und da ist ein Mann, der verhört wird. Er wird gegen Ende im Publikum stehen und erzählen, wie er bei einem Attentat in der Schule einer Frau in den Kopf geschossen hat.

So weit also die Grundvoraussetzungen in Chris Thorpes Stück "Möglicherweise gab es einen Zwischenfall". Die Handlungsstränge und Perspektiven sind so ineinander verwoben und verschoben, dass es dauert, bis man den Geschichten wirklich folgen kann. Das wäre eigentlich ganz spannend, nur macht Regisseur Marco Štorman nicht besonders viel aus dem Text. Die Inszenierung bleibt eine gesprochene Textfläche, in der zwar Papier zerrissen und gegessen wird und auch mal jemand an der Wand klebt, vor allem aber stehen die drei durchaus guten Schauspieler an ihren Tischen und sprechen ihren Text. Dazwischen werden zur melancholischen Musik von Thomas Seher Fernsehbilder projiziert, hier findet das Weltgeschehen statt, von dem wir im Kleinen auf der Bühne (Anna Rudolph) erfahren: politische Aufmärsche, Konferenzen der Mächtigen, die Oscar-Verleihung. Erhebend ist der Sound, erhebend sind die Bilder.

Der Abend selbst aber bleibt seltsam flach. Schön ist der letzte Moment: In Ganzkörperschutzanzügen, wie Astronauten, treten die Darsteller ins Schlachtfeld auf der Bühne. Die "Zwischenfälle" sind möglicherweise also wirklich eingetroffen. SS Schauspielhaus, Sa, Di 20.00


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