Vor 20 Jahren im Falter Wie wir wurden, was wir waren

Was ist Haider?

Falter & Meinung | AT | aus FALTER 46/15 vom 11.11.2015

Aufregende Vorwahlzeiten in den 1990er-Jahren; Kulturkampf, wie man das nannte, Exilwünsche aufgeregter und entsetzter österreichischer Intellektueller, die vom Falter unpassenderweise verarscht wurden (vgl. Falter 45/2015). Es existierte auch ein Bilderverbot für Jörg Haider, das jedoch zum Beispiel von Martin Staudinger geschickt umgangen wurde, der seine Reportage von einem Besuch Haiders in Oberwart mit einem Bild garnierte, das folgende Bildunterschrift trug: "Jörg Haider hat ein Herz für die kleinen Leute - also auch für Falter-Redakteure, die das Bilderverbot berücksichtigen müssen, das ihr Chef verhängt hat: Brav hebt er das Stamperl, damit man sein Gesicht nicht sieht." Demgemäß konnte das Bild gedruckt werden, nicht einmal der Chef hatte Einwände.

In derselben Ausgabe erschien der meines Wissens erste Falter-Artikel von Sibylle Hamann, in der Autorinnenzeile als "Auslandsredakteurin bei Profil" ausgewiesen. Es ging um den nigerianischen Autor Ken Saro-Wiwa, hingerichtet von der Militärjunta wegen seines Widerstands gegen die Ölkonzerne. Hamanns erster Satz: "Im Empören sind wir eigentlich schon recht gut."

Robert Menasse hatte in einem provokanten Essay Jörg Haider als "linken Aufklärer" bezeichnet; die Ironie erwies sich als nicht jedem eingänglich. Also fragte der Chronist bei ihm nach, und Menasse präzisiert in einem Interview, Haider sei am ehesten als Austrofaschist zu verstehen. Eines aber sei er gewiss nicht: ein Nazi. Diese Qualifikation sei Ausfluss einer unglaublichen Hysterie: "Erstens sind nicht nur drei oder fünf österreichische Künstler politische Gegner von Haider, sondern auch die Sozialdemokraten, die Grünen, die Liberalen und große Teile der Volkspartei. Zweitens sollte man mit dem Begriff ,Nazi' vorsichtiger umgehen."

Dass der reaktionäre Krone-Kolumnist Staberl gegen österreichische Künstler das erste Mal Recht behalte, sei "ein intellektueller Super-GAU". Staberl hatte auf die Behauptung Gerhard Roths, die Österreicher brächten Nazis genetisch hervor, erwidert, das sei ein Nazi-Argument.


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