Selbstversuch

Langweilig, da passiert ja überhaupt nichts

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 46/15 vom 11.11.2015

Einer dieser Tage, an denen man nicht schreiben kann, bevor nicht der Tisch aufgeräumt und die Bügelwäsche erledigt ist, was insofern schwierig wird, als die grob berechnete Zeit für auch nur eine dieser Tätigkeiten die vorgegebene Deadline weit überschreitet. Vielleicht erst noch eine Tasse schwarzen Kaffee, kombiniert mit der Entschuldigung für den deppaten "Struwwelpeter"-Fehler in der letzten Kolumne.

Der ist natürlich, wie Leser Joerg V. völlig korrekt anmerkte, nicht von Wilhelm Busch. Wie konnte das? Es ist einfach schon zu lange her, dass ich den "Struwwelpeter" nicht vorgelesen habe, da er wegen pädagogischer Fragwürdigkeit und zu viel Schmerz und Tod vor dem Einschlafen für die Abendlektüre nicht infrage kam. Wilhelm Busch allerdings aus ähnlichen Gründen ebenfalls nicht.

Heute wird ja hier kaum noch gelesen; die meisten Bemühungen, die Teenager zur Lektüre von Druckwerken zwischen Buchdeckeln zu animieren, enden in peinigenden Niederlagen. Stattdessen schauen wir dieser Tage, falls es mal allen konveniert, gemeinsam Netflix. Was jetzt möglich ist, nachdem eine engelsgleiche Freundin mich mit den glücksspendenden Aspekten des HDMI-Kabels vertraut gemacht hat. Ja, Entschuldigung, ich kannte das halt nicht!

Für mich war das wie Weihnachten, als ich damit das erste Mal Notebook und TV verband! Kein heißer Laptop mehr auf dem Bauch, das Bild nicht mehr direkt vor der Nase, nicht mehr am nächsten Tag den Mac-Doktor anrufen müssen, weil der Laptop aufgeklappt auf den Boden und so weiter. Plus, man kann jetzt Internetfernsehen eben auch in Gesellschaft seiner Lieben konsumieren. Also falls es einem gelingt, etwas zu finden, das Teenager und Erwachsene gleichermaßen akzeptabel finden, wozu die meisten der Filme aus den 80ern und 90ern, die man selbst atemlos je ein gutes Dutzend Mal angesehen hat, nicht gehören. "The Abyss","Terminator II" und so weiter. Langweilig, da passiert ja nix, würd's dir sehr viel ausmachen, wenn du allein weiterschaust?

Zum Glück gibt's immer neue Staffeln von "New Girl", das finden wir alle lustig. Ich find die Serie auch wirklich unterschätzt. Großartige, mitunter fast surrealistische, immer bis an den Rand des völligen Gaga hingedrechselte Dialoge. Ja, es ist ein bisschen wie "How I Met Your Mother", aber für tüchtig Verschobene. Das kennen die Teenager aus ihrem unmittelbaren Umfeld und finden es wahrscheinlich beruhigend, dass auch andere zu einer Existenz in der Gesellschaft derart Gestörter gezwungen sind. Obwohl, die könnten wenigstens umziehen, während man hier unkontrolliertem Wahnsinn ausweglos ausgeliefert ist.

"Gehst du bitte schnell einkaufen? Zitronen, Avocados, Olivenöl, Butter, Kaffee und einen Karfiol. Und ach ja, Klopapier ist aus." "Klopapier? Spinnst du? Ich geh sicher nicht mit einem Packen Klopapier durch die Stadt.""Du gehst nur um die Ecke." "Trotzdem, vergiss es gleich wieder." Ein bisschen schwarze Pädagogik wäre jetzt ideal.


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