Nachgetragen Journal mehr oder weniger bedeutender urbaner Begebenheiten

Ein bunter Traum: Der kreative Aufschrei vor dem Funkhaus

Politik | Benedikt Narodoslawsky | aus FALTER 46/15 vom 11.11.2015

Schriftsteller Robert Menasse lässt sich an die Eingangstür anketten, Sänger Ernst Molden singt dazu: "Hängts mi bitte auf, dann bin i tot und gstad." Viennale-Direktor Hans Hurch schaut auf die Menschenmasse vor ihm, ergreift das Mikro und sagt ob des Andrangs: "Das ist ja schlimmer als bei der Viennale."

Was wie ein verrückter Traum anmutet, ereignete sich am Montagabend in der Argentinierstraße vor dem ORF-Funkhaus. Diese Woche endet nämlich die offi zielle Frist für Investoren, die sich für den Funkhaus-Kauf interessieren. Die Journalisten von Ö1, FM4 und Radio Wien drohen ihre Radioheimat zu verlieren. Sie sollen ins ORF-Zentrum auf den Küniglberg wandern - zum Missfallen der meisten Mitarbeiter.

Dagegen wird protestiert, und zwar mit viel Prominenz und kreativem Engagement. Schauspieler Erwin Steinhauer heizt dem Protestpublikum ein: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Sender-Identität von Ö1 am Küniglberg gewahrt werden kann. Ich glaube der Geschäftsführung kein Wort." Ökonom Stephan Schulmeister, der gerade noch mit der Schriftstellerin Eva Rossmann Polka tanzte - wieder so eine Traumsequenz -, mahnt die ORF-Geschäftsführung zur Vernunft: "In einem Betrieb, in dem intellektuelle Leistungen erbracht werden, spielt die Motivation der Mitarbeiter eine ganz bedeutende Rolle." Bei der ORF-Standortzusammenlegung gehe es mehr darum, die unabhängigen ORF-Journalisten zu kontrollieren, als um finanzielle Synergieeffekte.

Schriftstellerin Marlene Streeruwitz verliest die Namen jedes Mitglieds des ORF-Stiftungsrats, dem Gremium, das die Aufgabe des Funkhauses absegnete. "Hallo! Hast du dir was gedacht?", ruft das Publikum nach jedem einzelnen Namen lautstark. Nur kurz zuvor haben sie ihre mitgebrachten Radios in die Höhe gestreckt und den Kultursender Ö1 aufgedreht, um ein rauschendes Radiomeer zu simulieren. Der Kampf für den Erhalt des Funkhauses, so scheint es, ist noch längst nicht vorüber.


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