Tiere

Wertsachen

Falters Zoo | Peter Iwaniewicz | aus FALTER 46/15 vom 11.11.2015


Zuerst war es ein „Wertekatalog für Zuwanderer“, jetzt sollen Wertekurse für Flüchtlinge folgen. Da ich bislang als Grundwert nur den Basiswert bei der Prozentrechnung kannte, lief diese Diskussion über autochthon österreichische Werte an mir vorbei. Deswegen habe ich mir die „Wertefibel“ mit ihren „6 Prinzipien und 18 Werten“ auf staatsbuergerschaft.gv.at angesehen. Da finden sich durchaus liebenswerte wie österreichische Zugänge zu den Menschenrechten: „Freiheit kann ein Gefühl sein, wie man es beispielsweise beim Skifahren in den Bergen erlebt.“ Wolfgang Ambros würde das sofort unterschreiben, bzw. hat dies sinngemäß auch in einem seiner Songs so getextet. Möglicherweise – ich gebe das wertfrei zu bedenken – kann diesen Begriff von Freiheit ein Zuwanderer aus einer Wüstenregion nicht so leicht nachvollziehen.

Gegenüber dem Standard meinte Integrations- und Außenminister Sebastian Kurz letzte Woche: „Die Menschen, die zu uns kommen, sind keine schlechten Skifahrer, aber sind mit unseren Werten nicht vertraut.“ Aber vielleicht habe ich ihn da auch nur falsch verstanden. Jedenfalls sollen jetzt Werteschulungen folgen. Hoffentlich setzt man da nicht auch auf typisch austrozentrische Lebenseinstellungen, denn grantige Menschen gibt es hier bereits genug.

Aber Werte sind kein Lercherlschas (Österreichisch für „kein kleines Problem“): Um kulturelle Unterschiede bei Tests zu überbrücken, entwickelten Ärzte die Columbia Mental Maturity Scale. Doch auch dabei stolpert man über die Wertvorstellungen anderer Weltgegenden. In einer Reihe von fünf Tierbildern (Elefant, Kuh, Gans, Schwein, Huhn) sollte jenes ausgewählt werden, das nicht zu den anderen passt. Christliche deutsche Kinder zeigen mehrheitlich den Elefanten, weil dieser in Europa und den USA kein Haustier ist. Muslimische deutsche Kinder hingegen wählen meistens das Schwein – da dieses im Gegensatz zu den anderen Tieren als unrein gilt.

Aber auch als österreichischer Ureinwohner sollte man die abweichenden Wertesysteme anderer Kulturen kennen. Wegen eines Werbespots mit „grundlos abfälligen Bemerkungen“ über das türkische „Nationalgetränk“ Ayran verurteilte das Handelsministerium (?) die Firma Çaykur zu einer hohen Geldstrafe. Ich hoffe, das Außenministerium bietet auch für Auslandsreisende verpflichtende Wertekurse an.


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