Film Neu im Kino

Gefüge der Gewalt: 100 Minuten "Freistatt"

Lexikon | Eva Kleinschwärzer | aus FALTER 47/15 vom 18.11.2015

Marc Brummonds "Freistatt" ist die filmische Annäherung an ein Thema, das noch nicht sehr lange öffentliches Gehör findet und das es definitiv erst aufzuarbeiten gilt, nämlich die Zustände in Heimen, in denen Kinder und Jugendliche in den 1950erund bis weit in die 1970er-Jahre untergebracht und oft schwersten Misshandlungen, körperlichen wie seelischen, ausgesetzt waren.

Der Film versucht, Authentizität durch einen dokumentarischen Rahmen zu produzieren - gedreht wurde an Originalschauplätzen und die Geschichte basiert wesentlich auf den Schilderungen eines Opfers dieser strukturell organisierten Gewalt.

Dem Film gelingt es auch, innerhalb dieses verdichteten Rahmens exemplarisch zu verdeutlichen, wie mit psychischer und körperlicher Gewalt Widerstand systematisch gebrochen wird und wie sich diese Mechanismen auch unter den Jugendlichen selbst fortsetzen.

Durch das Abrufen emotional aufgeladener Bilder und den sich langsam steigernden Spannungsbogen wird dabei suggeriert, annähernd nachvollziehen zu können, was junge Menschen in diesen Heimen erlebt haben. Das ist jedoch nicht möglich, daran ändern auch die schwarzweißen Originalfotografien, die im Abspann eingeblendet werden, nichts. Es stellt sich an dieser Stelle die grundsätzliche Frage, ob ein Spielfilm im 100-Minuten-Format und mit einer ausgeprägten Ausrichtung auf Schauwerte ein solches Thema zu (be)greifen in der Lage ist. Denn was so ein Film nicht offenlegen kann, sind die zeitlichen Dimensionen dieser Misshandlungen, die gesellschaftlichen und politischen Umstände, unter denen diese Anstalten Bestand haben konnten oder auch und sicher nicht zuletzt ein Konzept von Erziehung, das teilweise bis heute zu wenig hinterfragt bleibt.

Ab Fr im Top


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