"Die Wahrheit ist Verhandlungssache"

Kultfilmer unter sich: Abel Ferrara setzt mit "Pasolini" dem verehrten Kollegen ein Denkmal

Lexikon | Interview: Julia Pühringer | aus FALTER 47/15 vom 18.11.2015


Foto: Filmladen/Roberto Rocca

Foto: Filmladen/Roberto Rocca

Kultregisseur Abel Ferrara, für seine filmische Abwegigkeit geschätzt wie berüchtigt, begann seine Karriere in den 1980er-Jahren mit Low-Budget-Exploitation (und zwei Folgen der TV-Serie „Miami Vice“). Die 1990er waren sein großes Jahrzehnt: „King of New York“ mit Christopher Walken als Drogen-Kingpin, der irre Harvey Keitel in „Bad Lieutenant“, Lili Taylor als blutsaugende Philosophiestudentin in „The Addiction“, das starbesetzte Gangsterfamilienepos „The Funeral“ – verderbt, süchtig und brutal, sündig und immer auf der Suche nach Stripperinnen und Erlösung.

2014 hat Ferrara mit seinem ungeschminkten „Welcome to New York“ (Gérard Depardieu als Doppelgänger von Dominique Strauss-Kahn) zu alter Größe zurückgefunden. In „Pasolini“ nun spielt Willem Dafoe den ebenfalls kultisch verehrten italienischen Filmemacher. Wir haben Abel Ferrara, neuerdings clean und Buddhist, zu einem Gespräch getroffen.

Falter: Der US-Musikkritiker Lester Bangs schrieb einmal: Um Elvis wirklich nahezukommen, müsste man ein Stück seiner Leiche fressen. Sie haben mit Gegenständen aus Pasolinis Besitz gedreht?

Abel Ferrara: Objekte haben eine ungeheure Macht. Ninetto Davoli, der in seinen Filmen wie auch in seinem Leben eine der Hauptrollen spielte, hat Willem Dafoe das Medaillon gegeben, das Pasolini einst um den Hals getragen hat. Es macht einen Unterschied, wenn man das tatsächlich spürt.

Woran liegt es, dass Pier Paolo Pasolini immer noch so fasziniert?

Ferrara: Weil er wie Jesus Christus ist. Er ist einfach echt. Der Typ hat diese verdammte Kraft, der ist wie Elvis oder John F. Kennedy. Deshalb wollen die Leute auch immer noch wissen, wer Kennedy ermordet hat. Weil sein Leben und sein Tod eine ganze Zeit, eine ganze Kultur verkörpern, die so nicht mehr existiert. Bei Pasolini gab es damals Filmemacher wie Rossellini, De Sica, Antonioni, Pontecorvo, die ganze Bande, und dann kamen 20 Jahre Berlusconi. Der verdammte Vorhang ist gefallen.

Ist es für Ihren Film wichtig, was tatsächlich passiert ist?

Ferrara: Die Wahrheit ist Verhandlungssache. Was 1975 am Strand von Ostia tatsächlich passiert ist – keine Ahnung. Aber ich habe eine ziemlich gute Vorstellung davon, die auf Wissen aus erster Hand beruht. Was im Hotelzimmer zwischen Strauss-Kahn und dem Dienstmädchen passiert ist, weiß ich genauso wenig. Die Wahrheit existiert nur in dem Moment, wo sie passiert.

Und sie ist in dem Kontext auch gar nicht so wichtig …

Ferrara: Ja, genau. Ich drehe schließlich keine Dokus!

Geht es bei sexuellen Obsessionen nicht immer um Macht? Oder ist es wirklich eine Sucht?

Ferrara: Es wird zur Sucht, wenn es dein ganzes Leben bestimmt, und zwar negativ. Der Typ ist schließlich deswegen im Gefängnis gelandet. Sex ist dann am besten, wenn man völlig ineinander aufgelöst ist und sich in der Lust des anderen fallen lässt. Dominique Strauss-Kahn und Pasolini sind die Leute scheißegal, sie sind völlig austauschbar. Das ist dann eine Sucht. Sie kaufen Menschen. Ihr Lifestyle ist ja völlig ausgeklinkt.

Macht sie das interessanter?

Ferrara: Genau das ist der Punkt. Wer wusste vorher schon den Namen des Weltbank-Chefs? Keine Sau! Als er freigesprochen wurde, war das auf dem Cover jeder Tageszeitung. Diese Typen kann man in Sachen Macht und Einfluss mit den Königinnen und Königen bei Shakespeare vergleichen. Aufstieg und Fall. Aber das ist alles Karma. Wenn man so ein Leben führt, landet man entweder im Gefängnis oder im Grab. Das war bei Pasolini so und auch bei Strauss-Kahn – da ist man zuerst der nächste Präsident von Frankreich und dann sitzt man auf Rikers Island ein.

Untertags politische Sprüche klopfen, abends junge Buben – ginge das heute noch, in Zeiten von Social Media?

Ferrara: Na klar! Du knallst dir diese App aufs Handy und schon weißt du, wer in der näheren Umgebung gefickt werden will. Pasolini war das doch völlig egal, wer ihn erkannt hat.

Ganz ehrlich – war Christopher Walken je im Gespräch als Pasolini?

Ferrara: Er ist einfach nicht die Sorte Schauspieler. Julian Schnabel fragte ihn einmal, ob er Andy Warhol spielen wollte, aber Chris meinte: Was soll ich damit, ich bin nicht Andy Warhol und jeder weiß das. Wir haben einmal gemeinsam „Kap der Angst“ angeschaut, und Robert De Niro hält sich da unter dem Truck fest, 100 verdammte Meilen lang, und als er darunter hervorkommt, sieht er super aus. Und Walken sagte: Wenn ich das spielen würde, wüsste ich, ich war nicht unter diesem Truck, und jeder andere wüsste es auch.

Welche Version von „Kap der Angst“ mögen Sie lieber?

Ferrara: Ich bin ein Riesenfan von Robert De Niro. Und ich bin ein Riesenfan von Robert Mitchum, der im Original aus den 1960ern spielte. Er brauchte die Tattoos nicht und die aufgepumpten Muskeln. Er war ein arger Typ, er hatte das einfach.

Ab 20.11. in den Kinos (OmU im Gartenbau)


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