Theater Kritik

Theaterglück: Beichte einer Schauspielerin

Lexikon | SS | aus FALTER 47/15 vom 18.11.2015

Gerade ist sie noch im Bademantel durchs Publikum gegangen und hat freundlich Apfelspalten verteilt, schon liegt die Schauspielerin nur in Unterhosen auf dem kahlen Bühnenboden. Verschwommene Kinderfotos werden an die Wand projiziert, die Schauspielerin sagt: "Ich bin geboren worden. Ich bin in das Geburtenregister eingetragen worden. Ich bin älter geworden." Und so geht es weiter mit den Selbstaussagen. Irgendwann steht sie auf, zieht sich ein weißes Hemd an, es heißt: "Ich bin gesellschaftsfähig geworden" und "ich bin pflichtig geworden".

Peter Handke hat vor mehr als 50 Jahren den Monolog "Selbstbezichtigung" geschrieben, für niemand Bestimmten, keinen Mann, keine Frau, sondern eine Person, die Beichte ablegt. Die Schauspielerin, die da ganz alleine auf der Bühne steht und sich irgendwann die Frage stellt "Gegen welche Gesetze des Theaters habe ich mich vergangen?", ist Stefanie Reinsperger, die zu Recht zur Schauspielerin des Jahres gewählt wurde, dieser Abend ist nur noch ein Beweis mehr für ihr außerordentliches Können und ihre unendliche Energie.

Regie führte der tschechische Regisseur Dusan David Parizek, mit dem Reinsperger schon mehrfach zusammengearbeitet hat. Als es ums Theater geht, werden Szenen aus gemeinsamen Arbeiten abgespielt, Ausschnitte aus "Die lächerliche Finsternis", "Nora³" und "Der zerbrochene Krug". Reinsperger schleudert zwischen den Handke-Text Sätze aus diesen anderen Stücken, auf Wienerisch und in schönstem Theaterdeutsch. Und so wird aus der Lebensbeichte auch immer mehr die persönliche Theaterbeichte eines Regisseurs und einer Schauspielerin. Immer schneller und immer mehr sprudeln die Sätze aus Reinsperger raus, bis es heißt: "Ich habe in dieser Spielzeit nicht nicht gespielt." Das ist ein großes Glück für alle Zuschauer.

Volx/Margareten, So, Mo 20.00


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