Mediaforschung Verführungskolumne

Ist dieser Mann Lebensretter, Millionär oder ein Ex-Häftling?

Medien | Benedikt Narodoslawsky | aus FALTER 47/15 vom 18.11.2015

Der Kamerakonzern Canon wirbt mit einem Experiment. Sechs Fotografen sollen einen Mann fotografieren. Was sie nicht wissen: Er spielt für jeden Fotografen eine andere Rolle (Lebensretter, Millionär, Ex-Häftling, Fischer, Alkoholiker, Mann mit übernatürlichen Kräften). Alle Fotografen knipsen ihn so, wie er ihrem Klischee entspricht. Den Millionär mit stolzem Blick. Den Ex-Häftling böse im Halbschatten.

Als Canon die Fotografen später über das Experiment aufklärt, blicken sie auf sechs völlig verschiedene Fotos desselben Mannes. Sie sind erschüttert. Das Klischee hat ihre Arbeit verändert. Zu sentimentalem Gedudel erscheint ein Satz: "Ein Foto wird mehr durch die Person hinter der Kamera geformt als durch das, was vor ihr liegt." Der Spot reiht sich ein in eine Werbeart, die immer beliebter wird: gefilmte Moral-Experimente, die zum Nachdenken anregen sollen. Im Vorjahr forderte etwa der Bindenhersteller Always in einem rührenden Test Frauen dazu auf, "wie ein Mädchen" zu rennen. Die Probandinnen liefen gespielt lächerlich. Wieder erschien zu sentimentalem Gedudel der Satz: "Wann wurde 'wie ein Mädchen' zur Beleidigung?" Ergebnis des Tests: ergriffene Blicke der Frauen. Always gehört zum Milliardenkonzern Procter & Gamble. So wie die Rasierermarke Gilette, die in ihren Spots das Macho-Männerbild zementiert.

Konzerne wollen mit Tränendrüsenexperimenten nicht die Menschheit verbessern. Sie wollen bloß Kohle. Auch in der Werbung kommt das Fressen vor der Moral.


Diese Artikel könnten Sie auch interessieren:


Anzeige

Anzeige