... ist ein seltsames Spiel

Das derzeit modernste Marktmodell der Stadt hat auch ein richtig gutes Lokal

Stadtleben | Lokalkritik: Florian Holzer | aus FALTER 47/15 vom 18.11.2015


Foto: Heribert Corn

Foto: Heribert Corn

Durch das große Fenster zum Hinterhofgarten fällt sattgelb und warm das herbstliche Licht. Es ist Samstagmittag, jede Menge junge, schöne Menschen, die am Samstagvormittag nicht ihr Auto waschen, sondern sich um ihr Essen kümmern, und zwar aktiv als auch passiv. Aktiv, indem sie sich in der neuen Marktwirtschaft um die feingliedrige Befüllung ihres Eiskastens kümmern, passiv, indem sie bei dieser Gelegenheit auch gleich das dazugehörige Lokal ausprobieren.

Das hat einen etwas eigenwilligen Namen, nämlich „Die Liebe“ (was angesichts der Lokale „treu bleiben“ und „Liebling“ eine Ecke weiter durchaus für emotionale Bezeichnungs-Übersättigung sorgt), wird vom Jessas-Kollektiv rund um den Veranstalter David Kreytenberg betrieben, erinnert gestalterisch ein bisschen an eine Kantine und hat mit Alfred Schoch in der Küche und Peter Hubert an der Bar zwei großartige Leute an der Front. Der eine kochte unter anderem bei Christian Petz am Badeschiff, der andere fiel mit seinen extravaganten Getränkeempfehlungen in Die Au auf und checkte dann die Bar im Kussmaul.

Wenn man sich’s einfach machen wollte, könnte man Die Liebe natürlich als astreines Hipster-Lokal bezeichnen, mit Biozutaten, bombastisch angelegtem Frühstück, Multikulti-Kleingerichten, Natural Wines, DJ und ein bisschen Dekoration des Londoner Künstlers David Shillinglaw. Will man sich’s nicht einfach machen, stellt man fest, dass die Küche mit den Produkten vom Markt arbeitet, dass auf die derzeit üblichen Standards (Pulled Pork & Burger) verzichtet wird und dass hier stattdessen ganz tolle, zeitgemäße und preiswerte Küche geboten wird, die primär eines soll: schmecken.

Das Frühstück spielt alle Stückeln und lässt – mit Kichererbsencurry-Liptauer, grandiosem Hangover-Ramen (€ 9,50), Räucherforellen-Bagel und dergleichen – durchaus Ambitionen erkennen, in die diesbezüglichen Top Ten der Stadt vorzudringen. Mittags gibt’s Suppe und sehr guten Tagesteller, abends wird es dann aber so wirklich gut, etwa mit einer Interpretation des gefüllten Weinblatts aus Mangold und mit Salzzitronen-Garnierung. Super (€ 5,–). Oder gebratenen Pilz-Gyoza mit Käferbohnen-Hummus – Oida, ist das gut! Schade, dass man in veganen Restaurants so nicht essen kann.

Oder dann die Linsen-Reis-Palatschinken, flaumig und wahnwitzig knusprig zugleich, die fetten Stanitzel füllt man mit mildem Gemüsecurry (€ 7,50). Oder die spicy Kürbiscremesuppe, cremig, gemüsig, chili-scharf, dazu ein Börek mit der veganen Blutwurst vom Dormayer – können Kürbiscremesuppen nicht bitte immer so sein?

Man kann nur hoffen, dass der Marktwirtschaft nicht das Naschmarktschicksal blüht: dass alle herkommen, um zu essen, und die Standln als lukullische Dekoration enden.

Resümee

In der Kantine des neuen Indoor-Marktes werden aus den Zutaten der Standler lässige Kleingerichte gekocht – nebenbei gibts die beste Veggie-Küche der Stadt.

Die Liebe
7., Siebensterng. 21
Tel. 0676/668 19 69
Di–So 9–24 Uhr
www.dieliebe.wien


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