Fragen Sie Frau Andrea

Der letzte Hacker im kreisenden Ofen

Andrea Maria Dusl beantwortet knifflige Fragen der Leserschaft

Kolumnen | aus FALTER 47/15 vom 18.11.2015

Liebe Frau Andrea,

als alter Ofenbauer weiß man: In jedem Gerät steckt noch ein Håcker (Hocka). Aber was bedeutet der Ausdruck, mit dem in rauchigen Runden fast aufgeschmauchte Joints weitergegeben werden? Und warum ist dieses "Neigerl" hochbegehrt, wird jedoch, wenn's ums Trinken geht, als "Hansl" verschmäht? Grüß Sie,

Spencer Yeah, per E-Mail

Lieber Spencer,

mit "Ofen" wird in Wien der Joint, die selbergedrehte Marihuana-oder Haschischzigarette bezeichnet. Das "Neigerl", richtiger "Nāgl" oder "Nāgerl", ist die "Neige", altwienerisch die "Nāg", das Zuendegehen des Vorrats und davon abgeleitet der Flüssigkeitsrest. Verwandt damit ist "nega" (eigentlich: "neige") zu sein, abgebrannt, ohne Geld. Dafür kennt das Wienerische auch die Ausdrücke "schdia" sein, "floch","sockbaads" oder "walád".

Auch der "Hansl" hat eine komplexe Etymologie. Er kommt nicht vom Vornamen Johannes oder seiner Verkleinerung Hans, denn die lautet im Wienerischen "Håns" oder "Hons", allenfalls noch "Hansi" oder "Hanse". Der "Hansl", der Biersatz im Fass oder Glas, ist aus "Hantsl" entstellt. Er entspricht dem schriftdeutschen "Heinzel" (dem ostösterreichischen " Hoantsl","Hoanzl") und bezieht sich auf den Heinzelmann, das koboldartige, in der Regel unsichtbare Wesen, das als (meist guter) Hausgeist verstanden wird und auf dem Boden des Fasses hausen soll. Als "da gescheade Hansl" tritt der Tod auf.

Auch der "Hansldippla" (zu "dippln ",trinken) sei hier erwähnt, der unterkapitalisierte Alkoholiker, der den beim Wirtshaus gelagerten Bierfässern die letzten Bierreste entnahm oder auf Kirtagen und in Biergärten die Reste in den noch nicht abservierten Gläsern austrank.

Was aber ist der "Håcker"? Mit einiger Wahrscheinlichkeit bezieht sich der Ausdruck auf das Abhacken des Haschischstückchens. Verbreitet ist auch die Vorstellung, der Jointstummel enthalte eine Art Essenz oder Verdichtung der enthaltenen Ingredienzien. Gebräuchlich ist die Bezeichnung "Håcker/Hocka" aber ohnehin auch für den ganz normalen Zug am Ofen. Möglicherweise spielt bei der Genese des Ausdrucks auch die abgehackte Sprechweise der Menschen nach dem Anziehen eine Rolle.

www.comandantina.com; dusl@falter.at; Twitter: @Comandantina


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