Enthusiasmuskolumne Diesmal: Die schönste Todesanzeige der Welt der Woche

Eine digitale Parte für Helmut Schmidt

Feuilleton | Barbara Tóth | aus FALTER 47/15 vom 18.11.2015

Ascheene Leich, darunter verstehen die Wienerin und der Wiener eine ordentlich besuchte, würdig-opulente Trauerfeier. Elementarer Bestandteil dieser ist ein üppiger Leichenschmaus. Und natürlich eine kleines Parte-Kärtchen, das man im Anschluss mit nach Hause nimmt, als Andenken an den oder die Verstorbene.

Nur wenige Minuten nachdem Dienstag letzter Woche bekannt geworden war, dass der deutsche Altbundeskanzler und Zeit-Herausgeber Helmut Schmidt verstorben war, überboten sich deutsche Medien in digitalen Parte-Anzeigen auf Facebook und Twitter.

Das Prinzip der "scheenen Leich" funktioniert auch im Netz. Mit den vielen Parte-Posts, hochgeladen und tausendfach gelikt und geshart, war Schmidt ganz sicher einer der "scheensten" im deutschsprachigen Raum bislang.

"Der Lotse ist von Bord gegangen", textete Spiegel Online mit einem Bild des pfeiferauchenden, jüngeren Schmidt. Die "ZiB"-Redaktion suchte sich ein zur heimischen Innenpolitik passendes Schmidt-Zitat heraus und postete: "In der Krise beweist sich der Charakter."

Die schönste Parte hatte das Magazin der Süddeutschen Zeitung vorbereitet. Es zeigte nur den Namen des Verstorbenen, Geburts- (1918) und Todesjahr (2015) und daneben eine sachte nach oben steigende, graue Zigarettenrauchsäule. Sie kräuselte sich gemächlich vor weißem Hintergrund nach oben, mit klarem, schwarz-grauem Umriss, nicht traurig, sondern sehr elegant, fast sehnsüchtig Richtung Himmel weisend. So könnte es vielleicht ausschauen, wenn man das letzte Mal aushaucht, dachte man sich, als man dieses Bild sah. Oder wenn einem ein kluger Gedanke entsteigt. So eine essenzielle Parte kann nur einer bekommen: Helmut Schmidt.


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