Selbstversuch

Das ging eine Zeitlang gut, dann nicht mehr

Kolumnen | Doris Knecht | aus FALTER 48/15 vom 25.11.2015

Derzeit: permanentes schlechtes Gewissen. Alle anderen tun Großartiges für die Flüchtlinge, nur man selber nicht. Sie arbeiten nachts in Notschlafstellen, sie richten Wohnungen für Flüchtlinge ein, sie nehmen Familien bei sich auf, während man es selbst seit Wochen kein einziges Mal an den Hauptbahnhof schaffte, für ein bisschen Küchendienst. Weil man auf einmal gemerkt hatte, dass man sein eigenes Leben vernachlässigte und das der Teenager.

Das ging eine Zeitlang gut, dann nicht mehr, dann blieb alles liegen, dann waren wichtige Angelegenheiten unerledigt, dann wurden lang geplante Vorhaben nicht in Angriff genommen, Probleme blieben ungelöst, wichtige Termine wurden übersehen und der Teenager musste wiederholt über einen schmerzenden Zahn jammern, bevor man endlich beim Zahnarzt anrief. Von den sich türmenden Wäschehaufen gar nicht zu reden. Das ging dann nicht mehr. Jetzt hat man immerzu ein schlechtes Gewissen, wenn man auf Facebook sieht, wie andere das schaffen: ihre Sachen geregelt bekommen und trotzdem helfen, sinnvoll und effizient. Überhaupt haben alle anderen ihre Leben viel besser im Griff, und sich selbst. Deshalb müssen die dann auch nicht zwei Zahnarzttermine ausmachen, denen reicht einer.

Denn während man dem Kindsvolk seit Jahren einredet, dass Zahnarzt gar nicht so schlimm sei, braucht man selbst vor jeder Kontrolle starke Beruhigungsmittel oder ein paar Schnäpse.

Also, würde man brauchen; man ist aber erwachsen, man besiegt die Angst. Irgendwie. Allerdings tut man das lieber von Teenagern unbetrachtet, weshalb man an einem Tag die Teenager zum Zahnarzt begleitet und dort die gelassene, furchtlose, Ist-doch-alles-nicht-so-schlimm-Erwachsene gibt, und selbst an einem anderen Tag, an dem die Teenager idealerweise in der Schule sind, zum Zahnarzt geht, blass und zittrig und leise winselnd.

Hört einen ja zum Glück keiner; und wenn keine Kinder dabei sind, darf man wohl einmal vergessen, dass man erwachsen ist. Und kurz in Tränen ausbrechen, weil der Kopfhörer, unter dem man sich mit der neuen, auf Repeat gestellten David-Bowie-Nummer beruhigen wollte, verschwunden ist, sehr wahrscheinlich im Schulrucksack der Teenagerin, die einem in der Früh die tollen, coolen, grünen In-Ears überreichte, die man ihr aus Zürich mitgebracht hatte: Kannst du wegschmeißen, kaputt. Was, nach drei Wochen??? Ja, was kann ich dafür?

Was man bitte, neben einem attraktiven, vernünftigen Schreibtischsessel auch endlich einmal erfinden sollte: einen Kopfhörer, den ein Teenager nicht innerhalb von Tagen ruiniert bekommt. Ich hab gar nichts gemacht! Ja, eh. Aus dem von mir gefladerten Kopfhörer erklingt übrigens nicht das neue One-Direction-Album: Nein, danke, lieb von dir, aber brauchst du mir nicht runterladen. Ach, wie jetzt, alles aus zwischen euch? Tja. Ich muss jetzt einen neuen Kopfhörer besorgen. Und dann zum Zahnarzt. Winsel.


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