Meinesgleichen

Bildnis eines sehr traurigen Mannes

Falter & Meinung | aus FALTER 48/15 vom 25.11.2015

Da hängt er wie ein Sack. Wie ein Fischer, dem nach stundenlangem Kampf der Fisch seines Lebens vom Haken gerutscht ist. Sein linker Arm stützt sich auf die Schreibmaschine, sein rechter auf den Sessel, sein Kinn ruht faltenschwer auf dem Rücken seiner rechten Hand. Seine Miene ist verbittert. Verdrossen lugt die Rolex unterm grünen Tweedsakko mit den ledernen Ellbogenschonern hervor. Die Haare zu färben zahlt sich nicht mehr aus, man sieht es am nachlässigen gelben Schimmer über dem strähnigen Grau. In der Schreibmaschine ist ein Blatt Papier eingespannt, aber es ist kaum beschrieben. Wer sollte es noch beschreiben, und warum? Unser Mann auf dem Foto gewiss nicht mehr, er hat die Eitelkeit seines Bemühens eingesehen. All die Polarisierungsarbeit, der tägliche Versuch, Menschen gegen sich aufzubringen, all der Hass, den er erweckt hat, macht ihn unendlich müde. An den schäbigen Plastikpaneelen seines traurigen Büros im Plattenbau hängt verloren die Trophäe einer Gämse; der abgewetzte Plastikvorhang am Fenster gibt den Blick frei auf einen weiteren Plattenbau. Auf einer absichtsvoll neben die Schreibmaschine gebreiteten Süddeutschen Zeitung liegt ein Abzug seiner Kolumne; hinter ihm sieht man den Schirm eines Computers, den er nie benützt, und einen Becher mit Bleistiften, die aussehen wie Aquarellpinsel. Im Schatten der Schreibmaschine stapeln sich ein paar Bücher. Auf diesem Foto seiner Spätphase ist mir Michael Jeannée zum ersten Mal menschlich nähergekommen.

Quelle:

Michael Jeannée auf einem Foto von Philipp Horak, Profil 48/2015, Seite 46


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