Phettbergs Predigtdienst

Es ist quasi ein Wunsch meiner Seele

Kolumnen | Hermes Phettberg | aus FALTER 48/15 vom 25.11.2015

Ich wartete jede Minute auf vollkommene Einsamkeit und dass meine Eltern nicht mehr daheim waren und ich mich vor den Spiegel in der Küche platzieren konnte und dann markieren konnte, ich sei Bestandteil des laufenden Fernsehprogramms. Ich moderierte mein ganzes Leben lang ein von mir erfundenes Fernsehprogramm, obwohl meine Eltern noch gar keinen Fernseher hatten und ich nur alle Arten von Radioprogrammterminen auswendig aufsagen konnte. Das geschah seit meinem siebten, achten Jahr. Es war quasi ein Wunsch meiner Seele.

Vorige Woche, am 25. Oktober, gelang es meinem Sir eze, ORF III im Computer laufen zu lassen. Und so konnte ich ununterbrochen ORF III fernsehen: Wie der Stephansdom entstand, und wie Conchita Wurst stundenlang in einem Fluss redete. Und danach folgten Details von "60 Jahre Fernsehen in Österreich".

Die Studentys von der ÖSM lockten mich mit Gulasch auf den Campus der Uni Wien (Altes AKH) in die Stieglambulanz zum Vortrag "Der Wahrheitsanspruch des Christentums: Gefährliche Intoleranz?". Und dann hielt eine junge Theologie-Bachelin einen Vortrag, wie wertvoll Jesus sei. Mitten in Wien, wo tausende Moslems um Aufenthalt bitten, wirbt sie für Jesus. Meine Nerven glaubten sich in einer FPÖ-Veranstaltung. Denn Jesus sagte: "Freut euch mit den Fröhlichen, weint mit den Weinenden. (...) Haltet euch nicht selbst für klug."(Römer 12,15-16). Zu Jesu' Zeiten war noch kein Mohammed gewesen, und ich musste in den Saal brüllen: "Jesus sagt:'Werdet den Islamern zum Islam!'"("Werdet den Moslems zu Moslems!") Ich bin auch viel zu ungebildet, um die Nahtstelle genau zu erkennen. Aber auf keinen Fall dürfen wir im katholischen Erz-Wien das Christentum hochleben lassen und die fliehenden islamischen Menschen "im Regen stehen lassen" und Jesus hochpreisen. Oh wie gerne würde ich mehr über den Islam wissen.

Ich werde jetzt die kommenden Tage dorthin gehen, aber meine Schlaganfälle erlauben mir keinen exakten Satz mehr auszusprechen. Jedoch, wenn ich dort hingehe, darf ich es nicht zulassen, dass der Saal voll junger Studentys glaubt, ich sei einer "von ihnen". Ich muss gestehen, ich geh natürlich auch dorthin, um mir die jungen Studentys anzuschauen.

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